Chris Cornell 1964 – 2017: Dead and Alive in the Superunknown

Chris Cornell 1964 – 2017: Dead and Alive in the Superunknown

18.05.17

Chris Cornell ist tot. Unmöglich.
Bevor am Morgen dieses 18. Mai 2017 die Meldung von der US-Presseagentur Associated Press (AP) losgeschickt werden wird, scheint der Tag ein guter zu werden. Aber er wird es nicht.

 

Chris Cornell, Sänger, Songschreiber und Texter der wohl mächtigsten Alternative-Rockband – Soundgarden aus Seattle – ist in der der Nacht des 17. Mai in Detroit in seinem Hotelzimmer tot aufgefunden worden. Laut AP hatte Cornells Frau Vicky noch in dieser Nacht einen Freund in Detroit angerufen, er solle sich um ihren Mann kümmern, der nach der Soundgarden-Show ins MGM Grand Detroit Hotel zurückgekehrt war. Der Freund fand den 52-jährigen Cornell tot auf dem Boden des Badezimmers. Mehr wissen wir nicht.

 

Soundgarden am Ostersonntag, 3. April 1994, Rote Fabrik Zürich. Damals waren Konzerte an hohen Feiertagen eigentlich nicht möglich in der Zwingli-Stadt. Internet gabs noch nicht, und so hangelte man sich von Gerüchten über Absage, Zusage und wieder Absage durch die Vor- und Ostertage. Am Schluss ging das Konzert in der Aktionshalle dann über die Bühne, und wie. Chris Cornell eröffnet die Show mit – Ostern verpflichtet – «Jesus Christ Pose»:

 

«Like it's the coming of the Lord
And I swear to you
That I would never feed you pain
But you're staring at me
Like I'm driving the nails
In your Jesus Christ pose»

 

Die Euphorie über das unglaubliche Konzert dauerte noch genau 36 Stunden. Dann machte das Gerücht die Runde, Nirvana-Sänger Kurt Cobain sei tot aufgefunden worden. Und das war er dann auch, tot. Alles Hoffen auf eine Falschmeldung blieb vergebens. Und so wird es wohl auch jetzt sein. Chris Cornell ist tot.

 

Lasst mich das so sagen: Soundgarden waren die grösste der Seattle-Bands der 80er- und 90er-Jahre. Grösser als Nirvana, Pearl Jam, Mudhoney, name it. Soundgarden erzeugten augenblickliche und zeitlose Grösse durch ihren Sound, die Stimmung und die Stimme, durch Bilder, Texte, Beschwörung. Und Superunknown (März 1994) war das grösste Rockalbum des Jahrzehnts (die Platte kam erst zwei Wochen vor dem legendären Konzert in der Roten Fabrik in der Schweiz in die Läden; die Limited-Edition-Doppel-LP gabs erst am Konzert zu kaufen).

 

«Black Hole Sun» mit seinem unterschwellig aggressiven, surreal-apokalyptischen Musikvideo (Regie: Howard Greenhalgh) fing 1994 die düsteren Ahnungen und Träume eines Teils der Generation X ein, die nicht recht wusste, warum sie so diffuse Ängste hatte. Und wovor. «Alive in the superunknown» war die Songzeile, die das Unbehagen über die Verunsicherung noch präziser benannte:

 

«Alive in the superunknown
First it steals your mind
And then it steals your soul»

 

Soundgardens rauer, dreckiger, schleppender, manchmal psychedelischer, oft epischer Sound verband frühen Heavy Metal mit dem kaputten, wunderbaren Drive des Alternative Rocks (das Wort «Grunge» spreche ich bis heute nicht aus, es klingt hässlich und dumm). Cornells Stimme musste man mögen, klar, aber ich mag Dinge, die ich nicht mag, einfach, weil sie zu gross sind, um sich vor ihnen zu verstecken. Und vor Soundgarden konnte man sich nicht verstecken. Das war schon bei den Alben Louder Than Love (1990) und Badmotorfinger (Oktober 1991, ein Monat nach Nirvanas Nevermind) der Fall. Dass Nirvana, Pearl Jam und Soundgarden grösser als der Mainstream würden, konnte niemand ahnen. 1994 war dann alles vorbei. Das Unbehagen war greibar.

 

Chris Cornell war der grösste Rocksänger seiner und meiner Generation – wir haben den gleichen Jahrgang, das verbindet. Bis hin zur grossen Reunion von Soundgarden 2012. Ihre neue Platte King Animal war ein Album, das nur Soundgarden haben machen können, 15 Jahre nach der Trennung. «By Crooked Steps» baut sich langsam und komplex auf, irritiert und bleibt dann doch im Ohr hängen, als wäre der Song schon immer dort gewesen:

 

«I'm a walking believer, I'm a ghost and a healer
Can't you see that I understand your mind?
My crooked steps right behind you»

 

Chris Cornell ist tot. Unmöglich. Wer unsterblich ist, stirbt doch nicht einfach, allein, nachts, nach dem Konzert, auf dem kalten Boden des Badezimmers eines Hotelzimmers, in Detroit, an irgendwas. Unmöglich.

 

«The Promise» ist der letzte Song, den er aufgenommen hat und für einmal braucht seine Zärtlichkeit, die immer da war, keine fulminante Rockmaschine.

 

«When I feel
Like lies are all I hear
I pull my memories near
The one thing they can't take
(...)
And dare to rise once more
A promise to survive
Persevere and thrive
And fill the world with life
As we've always done»

 

Und wie immer, wenn Tage nicht gut sind, bleiben wir fassungslos zurück, alive in the superunknown.

 

Doktor Fisch

 

 

Bild: Charles Peterson, aus seinem Fotobuch Screaming Life. Mit freundlicher Genehmigung verwendet in RFV-Rockproof 2.011.

Update 19.5.2017: Überdosis Medikamente könnte Selbsttötung ausgelöst haben

In einem Statement erklärt Vicky Karayiannis, die Ehefrau Cornells, dass ihr Ehemann nach dem Konzert benommen zu ihr am Telefon gesagt habe, dass er mehr Atavin-Pillen (Atavin ist ein angstlösendes Medikament, in der Schweiz als Lorazepam bekannt) zu sich genommen habe als üblich. In dem Statement der Familie wird darauf hingewiesen, dass eine Überdosis Atavin Selbstmordgedanken auslösen kann. Demnach sei es möglich, dass Cornell seinen Selbstmord nicht vorsätzlich begangen hat. Vicky Karayiannis: «I know that he loved our children and he would not hurt them by intentionally taking his own life.» – Spin Magazine

Chris Cornell: «The Promise» (live CBS, April 2017)

Soundgarden: «Superunknown» (Album Superunknown, 1994)

Soundgarden: «By Crooked Steps» (live, Album King Animal, 2012)

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