Basel und die Elektronische Musik: Der lange Weg von Autobahn bis Audio Dope

Basel und die Elektronische Musik: Der lange Weg von Autobahn bis Audio Dope

12.04.18

Eine gekürzte Version dieses Texts ist im Jahresbericht 2017 des RFV Basel erschienen. Hier nun die mit Sounds angereicherte, ungekürzte Version (am Ende mit aktuellen Tracks von Producern aus der Region Basel ergänzt).

 

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Die einfachste Definition von Elektronischer Musik (EM): Geht nicht ohne Strom!

 

Danach wird die Definition schwieriger und unübersichtlicher (siehe weiter unten). Einen Meilenstein der Genrebildung zu nennen, ist deshalb hilfreich: Das Album Autobahn der Düsseldorfer Band Kraftwerk erschien 1974 und revolutionierte das klassische Popformat mit. Seither – und vor allem in den letzten Jahren – ist Popmusik immer hybrider geworden; eine Genre-Unterscheidung zwischen EM im Pop- bzw. Radioformat und Popmusik mit elektronischem Gerüst (beide auf 3–4 Minuten konzipiert, egal ob Dubstep, Future Beats oder RnB) ist eigentlich hinfällig. Auch weil sich jeder Song zum Track für den Dancefloor remixen oder editieren lässt. In der 4-to-the-floor-Clubszene gilt aber immer noch der längere Track als Währung für die durchgetanzte Nacht, egal ob bei Minimal, Tech/Deep House, Techno, Trance, Bass oder Drum’n’Bass.

Kraftwerk – Autobahn (1974)

Der RFV Basel ist seit 1994 auch für die Förderung elektronisch produzierter Musik aus der Region zuständig. Eigentlich. Doch lange Zeit brauchte oder wollte die elektronische Musikszene keinen Support für ihre Produktionen und Projekte. Szene-Aushängeschilder wie etwa das Kollektiv Gelbes Billett Musik (Techno, House, Minimal) drückten in der Subkultur ihre Raves und Releases ohne Popförderung durch die Tanznächte im Presswerk (2001–2011). Auch DJ Antoine – am anderen Ende der Skala – hat nie beim RFV Basel angeklopft (und umgekehrt). Was einen wichtigen Aspekt bzw. Kontrast innerhalb des Genres aufwirft: den des Underground-Dance-Movements vs. die rein kommerzielle Unterhaltungsmusik.

 

Wenige Fördergesuche ...

Kreative EM-Producerinnen und -Producer arbeiten nicht viel anders als Songwriter oder Bands (nur können sie einiges autarker und kostengünstiger produzieren): Sie kreieren mit Klängen aus Sound Libraries und Field Recordings oder mit Samples, Filtern, Effekten und Tools neue Musik: Beats, Noise, Dancefloor-Abräumer, Ambient, Sound-Landschaften, gar Kunst. Sie setzen sie live um, pressen sie auf Maxis und vertreiben sie digital. Hier ist der RFV Basel natürlich für die Förderung genauso zuständig wie bei Rock, Rap oder Indie-Pop.

 

Bewerbungen um Förderbeiträge aus der Elektronikszene sind bei RFV-Wettbewerben relativ neu und eher selten. Auch wer sich bei den wichtigen Demo-Contests der Schweiz umhört, stellt fest: In der Sparte «Electronic» (Demotape Clinic, m4music Zürich, DTC) bzw. «Electro/Dance» (Swiss Live Talents, Bern, SLT) gehen mit Abstand am wenigsten Bewerbungen ein. So auch beim RFV Basel. Rechnen wir die Sparte «Urban» (DTC) bzw. «Urban/HipHop/Groove/Reggae» (SLT) dazu, siehts schon besser aus. Auch in der Region Basel. Einige Zahlen aus der Statistik des wichtigsten RFV-Wettbewerbs, dem RegioSoundCredit:

 ... hohe Erfolgschancen für Elektronisches und HipHop/Electro

... hohe Erfolgschancen für Elektronisches und HipHop/Electro

Die Tabelle zeigt: Mit sieben Beiträgen aus dem RegioSoundCredit hat EM aus Basel im Jahr 2017 ein Allzeithoch erreicht. Zusammen haben EM und HipHop/Electro/Synth-Pop in diesem Jahr gar zehn Beiträge erhalten; die Erfolgsquote der Bewerbungen ist mit 52,6 % sensationell hoch (die Erfolgsquote für alle Bewerbungen liegt in den Jahren 2015–2017 im Durchschnitt bei 38 %). Dass am Basler Pop-Preis in diesem Jahr mit Alma Negra und Audio Dope (Bild ganz oben, live) gleich zwei Vertreter der EM nominiert worden sind, ist einerseits Zufall, andererseits aber auch Ausdruck einer starken Szene. Einer Szene auch, die erkannt hat, dass sie sich selber öffnen muss, um besser gehört zu werden.

 

Auch der RFV Basel hat immer wieder Neuerungen eingeführt, um EM und HipHop besser zu repräsentieren und zu fördern, zuletzt:

  • Anfang 2016 hat sich der RFV-Vorstand mit Isabella Zanger (Herzschwester; Techno/Minimal/House-DJ, Remixerin) und Tobias Gees (Johny Holiday, Brandhärd; HipHop-Producer, DJ) verstärkt.
  • Im September 2017 hat der RFV Basel den jungen Producer Audio Dope live am Reeperbahn Festival in Hamburg bei der Swiss Night der internationalen Musikszene präsentiert (Label von Swiss Music Export, RFV Basel und Stadt Zürich Kultur).
  • Im November 2017 ist im Panda Basel die erste RFV-DemoClinic Digital mit grossem Erfolg durchgeführt worden. Gewonnen haben die jungen Producer Feola und Flex (Coaching) und die Basler Rapperin Pearl (Musikvideobeitrag).

Viel Aufmerksamkeit für Audio Dope und Zola

Viel Aufmerksamkeit für Audio Dope und Zola

Gerade die jungen Musiker und Producer Audio Dope (Mischa Nüesch; Radicalis Music) und Zola (Naim Zola Mbundu, Bild; Ça Claque Records) wurden ausserhalb Basels erst mit dem Gewinn der Demotape Clinic am m4music Festival in Zürich als ernst zu nehmende Newcomer gehandelt: Audio Dope im Genre «Electronic» (2016), Zola in der Sparte «Urban» (2017). Audio Dope ist mittlerweile der Indie-Streaming-King of Basel: Auf Spotify schlägt er in der Jahresabrechnung 2017 gar seine Labelmates Zeal & Ardor (143'942 Streams), und auch auf dem Portal Soundcloud erreicht er mit einem einzigen Track über 300'000 Streams.

Begriffe und Geschichte

Doch noch ein wenig Historie, zuerst in Form einer groben Unterteilung von elektronisch produzierter Musik seit etwa 1950:

  • Elektronische Musik: Komposition/Werk; elitär, intellektuell, avantgardistisch. Genres: Musique concrète, Electronica, Neue Musik, Elektronische Klangkunst.
  • Elektronische Popmusik: Songs; Artist-orientiert, urban, Zeitgeist. Seit Kraftwerk, Yello, oder Daft Punk globale Verbreitung. Eingesetzt werden elektronische und analoge Instrumente, Samples, Effekte etc.; Vocals/Lyrics haben hohen Wiedererkennungswert, hybride Arrangements.
  • Electronic Dance Music: Tracks; strictly Dancefloor. Von Detroit Techno bis Tech/Deep House, Disco bis Drum’n’Bass, Big Beats bis Minimal, Tribal bis Trance. Beat, Rhythmus, Klang, Energie, Schichtung und Dynamik spielen die Hauptrollen; Vocals nur als Anheizer oder Feature.

1974 ist wohl das Jahr, als elektronisch produzierte Songs in die Popmusik hereinbrachen: Die LP Autobahn der Düsseldorfer Pioniere Kraftwerk markiert den Aufstieg einer neuen und lockeren, futuristisch angehauchten Herangehensweise an Popmusik (bis dahin war die Haltung der elektronischen Avantgarde eher popfeindlich herablassend). Bereits 1970 arbeitete der Schweizer Produzent und Komponist Thomas Kessler (*1937) im Berliner Elektronik-Beat-Studio als einer der ersten mit analogen Synthesizern, die dort von Krautrock-Bands wie Tangerine Dream oder Ash Ra Tempel eingesetzt wurden (Kessler unterrichtete von 1973 bis 2000 an der Musik-Akademie Basel und gründete das Elektronische Studio Basel).

Basler Musikerinnen und Musiker als Pioniere

Basler Musikerinnen und Musiker als Pioniere

Als Pioniere der Schnittmenge der beiden letzten Genres gelten Stella und PJ Wassermann (Bild) mit ihrem Projekt Schaltkreis Wassermann. 1982 hatten sie sich mit dem Album Psychotron (Re-Release 2012, Private Records, Berlin – bereits vergriffen) unsterblich gemacht. Und: Wassermanns Matterhorn Project lieferte mit «Muh!» 1985 gar einen Hitparadenplatz 2. Lange bevor der erste Affe ein Selfie schoss und so eine Copyright-Debatte auslöste, hievte das Basler Produzenten-Paar die Kuh und ihr Muh in die Hitparade. PJ Wassermann ist auch 2018 noch aktiv, mit dem Projekt Eternal Bliss etwa. Er produziert ebenso als Schaltkreis Wassermann wieder neue Musik (siehe unten); seine Partnerin Stella Wassermann ist vor sieben Jahren an Krebs gestorben.

Schaltkreis Wassermann – Psychotron (1982)

Ebenfalls weit vorne: Die Basler Philippe Alioth, Christoph H. Müller und Stefan Hopmann sowie die Sängerinnen Kathrin Németh und Bea Wiggli, die 1987 als Touch El Arab mit «Muhammar» auf dem Label Lux-Noise (irgendwas war da mit dem Muh... damals in Basel) einen veritablen Hit einspielten (Müller ging später nach Paris und gründete die Formation Gotan Project). Michael Hediger, seit den späten 80er-Jahren Lux-Noise-Labelmitbetreiber, nennt folgende Verkaufszahlen für «Muhammar»: Schweiz über 20'000, Frankreich rund 8'000 und Deutschland / Österreich rund 4'500 EPs/Singles, total also 32'500. Heute nur schwer zu erreichende Zahlen (und trotzdem reichte es in der Schweiz nicht für die Goldene Schallplatte).

Und auch der Basler Alex Gloor war ein Pionier: Er zog in den 80er-Jahren nach New York, gründete 1996 das Plattenlabel Codek, später das Duo In Flagranti. Heute lebt er wieder in Basel.

Touch El Arab – Muhammar (1987)

Solange niemand den Strom abstellt ...

Solange niemand den Strom abstellt ...

In der Frühzeit der EM – mit analogen Synthesizern, 4-Spur-Bandmaschinen und sonstigen, oft selber zusammenschraubten Hardware-Equipment – waren Live-Auftritte eine schwergewichtige Herausforderung. Kein Vergleich zu heute, wo ein DJ weder Plattenkiste noch Laptop auf Tournee mitnehmen muss. Das schildert aber nur die Seite des reinen Dancefloors: Auf der anderen Seite tüfteln Basler Musiker und Producer wie Marco Papiro (auch bei Mir dabei, früher auch bei The Randomkings; Papiros Cover von Automare oben links), Alma Negra (für den Basler Pop-Preis 2017 nominiert) und Dutzende andere an ihrer eigenen Auffassung von Ästhetik, Klang, Schichtung, Dynamik und Rhythmus. Zum Teil wieder mit analogem Equipment wie anno dazumal.

 

Elektronische Musik ist in die Jahre gekommen und ist längst etabliert. Sie hatte sich aber immer schon zuerst als Tanz der Subkultur manifestiert, bevor sie den Mainstream erreichte und dort künstlerisch meist belanglos wurde (oder für immer im Underground verblieb). Von Kraftwerks zeitloser LP Autobahn bis zu Audio Dopes selbstbetiteltem Album (Cover: Bild oben rechts) sind 44 Jahre vergangen sein. Eine lange, eine überlebenswichtige und hoch spannende Zeit für die Popmusik.


Und solange uns niemand den Strom abstellt, wird der RFV Basel das Potenzial von elektronisch produzierter Musik sowie HipHop, Electro und Synth-Pop nachhaltig fördern – und gerne auch mittanzen und mitnicken.

 

Chrigel Fisch

 

 

Bild Audio Dope live: Frederick Dürr, Radicalis

Bild Zola: m4music Festival

Bild Schaltkreis Wassermann 1982: Kuno Mathi

Eine Auswahl elektronischer Musik aus der Region Basel, von Doktor Fisch

Gomorra: «St. Clair»

Alma Negra: «Burkina Berlin»

Honorée: «Pearls»

Papiro: Automare EP

Mehmet Aslan & Dario Rohrbach: «Gazel»

Ben Kaczor: Bronson EP

Weltsein: «Apatheia»

Audio Dope: «All Right»

Benotmane: «Ordos»

In Flagranti feat. Schaltkreis Wassermann: EP

B.Free: «DrohnenFlug»

UFO : «5» (Valentin Liechti)

Schaltkreis Wassermann: «2600noise»

Stu: «Escape»

Suicide Salmon: «Miami Airport»

Nik Frankenberg: «Liveware Problem»

Bernard Le Mec: «Am Gitter Im Planet E»

Thom Nagy: «Damals»

Gomorra & Dersu: «Messagio»

Herzschwester RMX von Ron Flatter: «Herr Lonnert»

The Love2Love Soulsystem: «Algebra»

Jay-Roc & Jakebeatz: «The Bigger They Come feat. J-Bravo & TapTap» (RMX)

Tom Keenig: «Koto» (Free Beatz)

Zola: «Nights»

Johny Holiday: «Berlin»

Meister Lampe: «Can't Take It No More»

Funky Notes: «Don't You Cry»

DJ Le Roi: «Free Your Mind»

Andrea Oliva: «We Trust»

LaFayette: «Traffic Noise»

B°tong: «Magnetic Static Field»

Das Pferd: «Fuxxx»

The Randomkings: «1--2--3»

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