Pyro – Rohkost: Mittelfinger an den Mainstream und ein Billett für den Soultrain

24.10.17

Mit einer gechillten Ladung Old School Funk im Rucksack rollt der Münchensteiner Rapper Pyro in einer mit Herbstlaub dick gepolsterten Nacht seinen mit Brandlöchern und eingetrockneten Saucenresten reicht bestückten Teppich aus Richtung Basel City. Beim Denkmal stoppt Pyro seine Karawane, lässt die Spliffs in den Jackentaschen verschwinden, entert das vorgeheizte Sommercasino und tauft im Taumel dieser Nacht sein neues Album namens Rohkost (27.10.17). Der erste Track vom Album, «Zrugg im Ohr», ist natürlich 100 % HipHop vom «Eigenbrötler MC», kein Bling-Bling, kein Cloudrap, kein Autotune. Sondern Brocken saftiger, deeper Musik. «Ich habe diese Welt erklären wollen, und nach dem ersten Satz aufgegeben», rappt Pyro (natürlich im Dialekt) im Opener. Auf den restlichen 15 Songs erklärt Pyro dann trotzdem die Welt. Aber seine.

Relaxter als auch schon, und doch voller Tatendrang

Relaxter als auch schon, und doch voller Tatendrang

Fünf Jahre nach seinem Solo-Doppelalbum Schatteboxe (mit unfassbaren 32 Tracks) kommt Pyro mit einem lockeren Work-in-Progress-Album zurück, das nochmals all seine Skills & Ills aus dem Fenster in die Strasse wirft. Pyro, die Erste Fackel des Basler HipHop-Kollektivs Rappartment aus Münchenstein und Basel, wirkt relaxter als auch schon, frisch, aufgeräumt, selbstironisch und voller Tatendrang. Als am 27. September Rohkost in die Läden und digitalen Shops gekommen ist, hat es tatsächlich für den Album-Charts-Einstieg auf Platz 66 gereicht. Viel ist das nicht, in Geld gesprochen, aber sehr viel dafür in Form von Anerkennung seines Publikums, seiner Hood.

 

Pyro war seit Schatteboxe nicht untätig (das kann er gar nicht), sondern war mehrmals in Südafrika, etwa um mit seinem Cape-Town-Kumpel Crosby eine EP und ein paar Videoclips aufzunehmen, den Rappartment-Sampler Gib uns e Air unter die Leute zu bringen und mit befreundten Musikern rumzujammen (Roli Frei oder mit Hip-Hop meets Jazz im Bird’s Eye in Basel).

Hier scheint uns die Sonne aus dem Arsch

Hier scheint uns die Sonne aus dem Arsch

Rohkost ist ein guter Titel für dieses Album. Es will nicht zu viel und bietet dafür mehr. Ein Liter Milch vom Bauernhof etwa. Aber vor allem klassischen Boom-Rap aus der Real School. Und: Nachdenkliches. Aber nichts Kompliziertes.

 

Viele der Beats (und die meisten Scratches) hat Grossmeister DJ Tron (P-27) geliefert, zu «Zrugg im Ohr» etwa, zum Titeltrack «Rohkost» mit der Bottleneck-Gitarre, zu «Oh yes» mit dem Blues Feeling, zu «Goldige Keefig» feat. Grossmeister MC Poet oder zu «Habba Habba» mit der dicken Bassdrum samt rollendem Bass. Und auch zum Song «Sunne schynt», dem mehr als ironischen, mehr als ulkigen Lumpenlied über Klimaerwärmung, Abfalltrennen und alternative Energien. «Alle reden übers Klima, alle ... ausser China» heisst es da, und «uns schynt d’Sunne us em Arsch, do isch alles wunderbar».

Durchhaltestrategien, Sehnsucht und eine Homestory

 Durchhaltestrategien, Sehnsucht und eine Homestory

20 Jahre HipHop hat Pyro bald in den Knochen. Auch Rohkost zeugt davon, dass der Mann eigentlich nicht viel anderes will als Rap rauszuhauen: Rap übers Rappen, Rap über den Stallgeruch von HipHop, Rap über Selbstzweifel und Durchhaltestrategien («Einzigartig», Beat: Funky Notes), Orientierungslosigkeit und Sehnsucht («Goldige Keefig») oder Rap als Tritt nach oben in die Chefetagen des Planeten/der Stadt («Habba Habba», «der grosse Fisch frisst den kleinen»). Im Song «Mi glayns Ryych» gibts tatsächliich eine Homestory zu Pyros luxuriösem Anwesen, wo der «z’Mittag mit de Händ» gegessen wird und Beats von Dr. Dre rumpumpen, vom Bett bis zum Balkon. Nein, keine Villa wie Bushido. Mietwohnung in der Agglo.

 

Fast zum Schluss kommen auch Venti (Rappartment), Demolux (Austria) und Rap-Musig-Scheff Zitrale noch zum Zug. «Gueti Combo» heisst der Chlöpfer des Albums, dem auch mal alles egal ist, ausser Rap. Oder wie bringt man Themen wie Mittelfinger an den Mainstream, besoffen Operieren, De La Soul, Uber-Taxis, Gorillas im Nebel, Ankara oder O.G.s im Krankenwagen unter einen Hut bzw. Cap?

 

Ganz zum Schluss steigen wir aber alle in den «Soultrain», halten zuvor die Fackel an die sorgfältig vorbereiteten Raucherwaren, löschen die Fackel. Es wird dunkel. Der Zug fährt los, jetzt:

 

Doktor Fisch

Pyro – Rohkost

(Rappartment/iGroove/Burning Sole) ist am 29. September 2017 als CD, LP und digital mit einem Beitrag des RFV-RegioSoundCredit erschienen. Erhältlich überall digital und als CD und LP bei Elch Records Basel, über die Pyro-Website, bei Bandcamp oder Cede.ch etc.

 

Bilder: Dedi Basel Photography.
 

Discography

2017 Rohkost
2015 Pyro & Crosby: The World is my Hood
2015 Rappartment Sampler: Gib uns e Air
2013 Radio (EP)
2013 Pyro feat. Black Tiger & Crosby: Capetown Connection (7inch)
2012 Schatteboxe
2008 Hoffnigsfungge
2007 Pyro, Mos, Dr.Aux: Vorsprung (EP, vergriffen)

Pyro: «Sunne schynt»

Pyro: «Gueti Combo» feat. Venti, Demolux & Zitrale

Pyro – Rohkost: Mittelfinger an den Mainstream und ein Billett für den Soultrain

Plattentaufe

27.10.17 Basel, Sommercasino, Pyro & Friends, Funky Notes, Fabe u.a.


Aktuelle Live-Daten auf der Website der Band.

 

Booking-Anfragen

CD-Verlosung

Der RFV Basel verlost 2 Rohkost-CDs. Teilnehmen: Mail an den RFV Basel senden. Es wird keine Korrespondenz geführt.

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