Naked In English Class – Selfing: Und wie erklären wir das nun den jungen Menschen unter 40?

04.05.18

Was machen die da nackt im Klassenzimmer? fragt sich Doktor Fisch, als er die neue Platte von Naked In English Class in die Maschine schiebt. Ein Augenzeugenbericht:

 

Eine unbezwingbare, erschütternde Menge Musik liegt seit Erfindung der Pop- und Subkulturen auf einer riesigen Halde, grosse Teile davon sind schon von erdbraunen Sedimentschichten überdeckt, aus denen wohl bald Erdöl gewonnen werden kann. Abermillionen Songs, Abermillionen Erinnerungen an Konzerte und erste oder letzte Küsse, Milliarden Stunden Pop-Archiv auf YouTube oder in den Schränken der TV- und Radiostationen und in den Brockenhäusern. Und täglich kommt Neues obendrauf! Wäre jeder Song ein Sack Reis – so eine alte Weisheit – müsste China nie mehr Hunger leiden. (Muss tatsächlich eine sehr alte Weisheit sein).

 

Was machen wir nur mit dem ganzen Haufen Gold und Silber und Scheisse? Ausser damit ab und zu Höchstpreise bei Discogs oder Ebay zu erzielen oder alles gleich ganz dem Flohmarkt zu vererben?

Schön schräg steil Disko mit Edel-Trash-Gütesiegel

Schön schräg steil Disko mit Edel-Trash-Gütesiegel

Na zum Beispiel das, was Naked In English Class damit machen: Verbeulte Perlen aus dem Haufen ausgraben, ins Licht halten, auseinanderbauen, reinigen, neu zusammenbauen, polieren und auf Platte herausbringen. Selfing ist bereits die dritte Rettungsaktion dieser Art für frühe, entlegene und vergessene Rebellenmusik der 50er, 60er und 70er Jahre. Ein Upcycling der besonderen und ab und zu sonderbaren Art.

 

Das baslerisch-schaffhausische Duo Naked In English Class setzt dabei seit drei Jahren komplett auf die Überlegenheit des musikhistorischen Nerdism in allen Lebenslagen: Nimm nur den Text des Songs, schmeiss die Sound-Klamotten ins Feuer, mach dich nackig, ohne die Aura des Originals zu verletzen, und löte dann höchstselbst neue Song-Kleider in bestechendem und beschwingtem Design!

 

Von Olifr M. Guz (Guz, Die Aeronauten, Guz & The Averells) kennen wir diesen Hang zum rabiaten Eklektizismus seit 30 Jahren von seinen Solo-Platten und -Kassetten sowie Konzerten, doch zusammen mit der Basler Duo-Partnerin Taranja Wu (von Ruby Amp, einer «Geheimand») klingt das Resultat weit weniger bärbeissig und verschwitzt. Sondern schön schräg steil Disko mit Edel-Trash-Gütesiegel. Wobei die Frage bleibt, wie ernst das alles gemeint ist. Ich vermute: ernst. Aber nicht bierernst.

Sonics, Iggy Pop, B-52’s, Vince Taylor, Billy Childish ...

 Sonics, Iggy Pop, B-52’s, Vince Taylor, Billy Childish ...

«I'm going out of my head / And now I wish I was dead / You drive me crazy, crazy / Psycho, Baby, Psycho!», schrien die legendären Sonics 1965 in die analoge Welt hinaus. Diese Band am Übergang von schön frisierter Beat-Musik zum verzerrten Teenage-Garage-Rock hat vor über 50 Jahren mit «Psycho» einen ersten Hit, und Naked In English Class bringen ihn zurück, zweistimmig als Dampfwalze im dicken 80ies-Synthie-Drumcomputer-Suicide-Röchel-Legging-Gewand. Ein dicker Einstieg in diese Platte.

 

«Throw That Beat In The Garbage Can» der guten alten B-52's klingt nach dem Upgrade fast schon nach Kim Wilde zu ihren besten Frisurenzeiten. Oder nach «ABBA in der Hölle», wie die beiden von Naked In English Class selber ihre Musik umschreiben. («Guz wohnt in einer Höhle und Taranja Wu schläft in einem Sarg», steht da weiter im Bandinfo. Wie wärs also mal mit einer Version von «Morbid Tales» von Celtic Frost?).

Von düster polternd bis positiv fetzig

Von düster polternd bis positiv fetzig

Weiter gehts auf der Dekonstruktionstour mit einer der allercoolsten Rockabilly-Nummern, «Brand New Cadillac» von Vince Taylor (1959). Der Song – eine Pflichtübung für jede Punk Rock Band der frühen 80er (genau: The Clash hatten den Song 1980 für London Calling aufgenommen) – kommt bei Naked In English Class düster auf den Tanzflur gepoltert: Übercool, dumpf, mit viel Hall und Pieps und komplett aus der Zeit gefallen. Denn: Vintage ist es nicht, Revival auch nicht, Industrial auch nicht, Depeche Mode für die Abstellkammer auch nicht, Tanz-den-Mussolini-DAF fürs Klassenlager auch nicht und Stadion-Rock sowieso nicht. Und neumödiger Trap oder Future Beats natürlich auch nicht.

 

Egal. Noch ein paar weitere Songvorschauen, bevor wir die Tür zum Klassenzimmer wieder zustossen und auf die anstehenden Plattentaufen in der Monkey Bar Basel und im Cardinal Schaffhausen hinzuweisen die Freude haben:

 

Billy Childish hat «I Can't Find Pleasure» mit den Mighty Caesars vor über 25 Jahren aufgenommen, ziemlich low-fi übersteuert und verschrammelt. Im Neu-Design des Duos klingt der Song plötzlich ziemlich positiv und ja, fetzig. Ausserdem: Für die Adaption des 77er Pop-Punk-Smashers «Pogo Dancing» (Chris Spedding & The Vibrators) packen Taranja Wu und Guz dann den persönlichen Plastic Betrand aus und hey! macht das Spass, wie die zickigen Stromstösse durch die Venen flitzen. Punk geht ja auch lustig und ohne Ratte.

Total geile Musik retten? Total geile Musik machen!

Total geile Musik retten? Total geile Musik machen!

Weitere Songs folgen noch, elf insgesamt, etwa Iggy Pops «Gimme Danger» und «I'm Gonna Find A Cave», ein früher Psychobilly-Darling von Jimmy Radcliffe & Buddy Scott (am stimmigsten wohl von Billy Lee Riley eingespielt). «Gimme Danger» finden wir auf dieser Platte recht zart, fast melancholisch eingekleidet, während im «I'm Gonna Find A Cave» in einen zackigen Beat gehüllt um die Ecke hüpft.

 

Zurück zu Kim Wilde oder anders gesagt: Am schönsten ist diese temporeiche, obskure und Oberliga-nerdige Electro-Hommage an die vergessenen Nicht-Helden der Musikgeschichte dort, wo Taranja Wu ihre frische Stimme galant in den poppig-bretzelnden Beat reinwirft und den Takt hämmert, und Guz das tut, was er am besten kann: total geile Musik retten durch total geile Musik machen mit totaler Hingabe und Körpereinsatz. Und ab und an auch schön singen. Hier ist der Beweis. (Schön sind auch die UFO-Geräusche bei «Gimme Danger», danke!)

 

Aber, wie erklären wir das alles nun den jungen Menschen unter 40?

Vielleicht findet Spotify eine Lösung.

 

Schliesslich werden hier keine Songs gecovert, sondern Attitude. Dafür ist es nie zu spät.

Und noch wie versprochen: Die Basler Taufe von Naked In English Class' neuer Platte pünktlich am 26. Mai in der Monkey Bar! Zieht euch bitte eine anständige Frisur an.

 

Doktor Fisch

 

 


Naked In English Class – Selfing

(Ikarus Records Zürich) erscheint am 25. Mai 2018 als CD und digital. Die LP ist im Juni lieferbar.

 

Naked In English Class sind Taranja Wu (voc, instr) und Olifr M. Guz (voc, instr).

 

Bilder: zvg.
Videostills aus «Psycho»: RFV Basel

Naked In English Class: «Psycho» (Musikvideo)

Naked In English Class – Selfing: Und wie erklären wir das nun den jungen Menschen unter 40?

Plattentaufe

26.05.18  Basel, Monkey Bar

 

Tournee
11.05.18  Thun, Mokka
25.05.18  Bern, Auawirleben
26.05.18  Basel, Monkey Bar
02.06.18  Schaffhausen, Cardinal
09.06.18  Zürich, Transit
21.07.18  Lax, Gommer Open Air
15.09.18  Singen, Vom Fass
 

CD-Verlosung

Der RFV Basel verlost eine CD von Naked In English Class. Teilnehmen: E-Mail an den RFV senden. Es wird keine Korrespondenz geführt.

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