Mir – WM: Die Stille des Friedens als letztes Signal

Das Basler Noise-Bollwerk Mir gibt fünf Jahre nach dem Tod seines «Drummer Extraordinär», Daniel Buess, das wehmütig erwartete Klang-Vermächtnis auf schneeweissem Vinyl heraus. Es klingt trotzdem nach Zukunft.

19/05/21  Doktor Fisch

Manchmal klingt ein Track wie ein Stück Literatur.
Besser gesagt wie das Bild, das die literarische Schilderung heraufbeschwört, und die Musik ist der Soundtrack. «Bzr» etwa, der Titel, der diese letzte Mir-LP eröffnet, fiept genau in jenem Moment, im Gleichklang mit einem verirrten Sonnenstrahl im Fensterkreuz, aus den Lautsprechern im Schlafzimmer, als – wie von kalter Geisterhand ... Quatsch, es war der Staubsauger, der ins Regal gerattert war – ein paar dicke Bücher aus dem Regal rutschen und zu Boden poltern, darunter eben auch «Gourrama», der Debüt-Roman von Friedrich Glauser aus der Fremdenlegion Nordafrikas. Wo also dichte, atemlose Literatur der (19)30er Jahre und dichte, atemlose Musik der (20)20er Jahre dank eines Staubsaugers und eines Plattenspielers zusammenfinden, im Schlafzimmer zum Beispiel, macht plötzlich alles wieder Sinn. Also, die Kunst. Das Leben. Musik.

Kurze Analogie der Geschehnisse
Sowohl Glauser mit seinem grossen Roman «Gourrama», den er in Basel im Gundeli zu schreiben begonnen hatte (Güterstrasse 219, btw), wie auch die Basler Band Mir – Daniel Buess †, Marco Papiro und Yanik Soland – mit diesem ersten Track «Bzr» zaubern mit fast schon meditativer Leichtigkeit eine fiebrige Stimmung in die Gehör- und Gehirngänge – und tragen eine*n, falls man Zeit für solchen Schabernack hat, im besten Sinne sehr weit fort über die unsichtbaren Grenzen von fucking Coronastan City hinaus. Zum Beispiel in die Fremdenlegion in Süd-Marokko, oder nach Japan, wo die Shehnai-Flöte herkommt, die Mir verwendet. Ob Mirs Musik dabei nahöstlich, westafrikanisch, japanisch, maghrebinisch, baslerisch oder gar klingonisch klingt ­– völlig egal. Am besten alles zusammen.

Apropos Glauser: Neben «Gourrama» ist – wir sind nochmals kurz im Schlafzimmer – auch die CD «Kif» mit Glausers Lesestimme drauf aus dem Regal gefallen. «Kif» ist ein einzigartiges Tondokument und wurde (soviel ich weiss) erstmals überhaupt vor zwanzig Jahren auf einen Tonträger gepresst. Es ist die einzige erhalten gebliebene Lesung von Glauser. Aufgenommen wurde sie im November 1937 im Studio der Radiogesellschaft Basel, gesendet wurde sie nie. Glauser starb dann Ende 1938 mit nur 42 Jahren, nachdem er noch im Jahr zuvor in desolatem Zustand in die Psychiatrische Klinik Friedmatt in Basel eingeliefert worden war.

So viel zu Friedrich Glauser, unserem Schriftsteller mit der grossen Sehnsucht nach der Fremde, dem Zuhause, der Anerkennung, dem Schreiben, Geschichtenerzählen – und dem Morphium und Opium.

Mir © Mir 2015 (von links: Marco Papiro, Daniel Buess, Yanik Soland)
Mir © Mir 2015 (von links: Marco Papiro, Daniel Buess, Yanik Soland)

Das Ding da weit draussen, das anders klingt

Das mit Glauser war Zufall, es geht um die neue LP von Mir, und wer Mir sagt, darf Daniel Buess sagen. Der «radikale Ausnahmeschlagwerker und Klangschamane», der neben seiner Arbeit mit Mir vorab im Ensemble Phoenix Basel und bei Experimental/Noise-Bands wie Cortex, 16–17, My Daily Noise, Anti-Ensemble oder NoiseZone gewirkt hatte, starb im Winter 2016 auf ungeklärte Weise im Alter von nur 40 Jahren im eiskalten Wasser des Rheins. Gefunden wurde er erst 30 Tage nach seinem plötzlichen Verschwinden, am Rheinufer in Village-Neuf (Nachruf hier).

WM heisst diese LP von Mir, die noch kurz vor Buess' Verschwinden im Dezember 2015 im klangoptimalen SRF Radiostudio Zürich eingespielt worden ist. Die sieben Tracks wurden nach Buess' Tod vom Mitmusiker Marco Papiro und dem Basler Produzenten und Musiker Alex Buess über fast fünf Jahre hinweg «sorgfältig überarbeitet, arrangiert und eingefärbt.» Papiro schuf auch, in unverkennbarer Art, das aktuelle Albumcover für seine Band. Wieder: grosse Kunst schon auf den ersten Blick.

Eingefärbt ist ein schönes Wort für Klänge, auch wenn die Musik von Mir, die eher wie eine «Art Non-Music» klingt, nie die simple Schönheit oder schnelle Wirkung gesucht hat. Sondern eben eher das experimentell Fordernde, Kreischende, Pulsierende, Repetitive, Laute, Grenzüberschreitende ... das Ding da weit draussen, das anders ist und klingt. So weit draussen wie Mir war keine andere Band aus dieser lauten Nische der Experimentellen Musik, oder?

Mir – WM (Cover; Artwork © Marco Papiro 2021)
Mir – WM (Cover; Artwork © Marco Papiro 2021)

Den Takt schwerer Maschinen ins Organische überführt

Buess' Schlagzeugstil habe «eher an den Takt schwerer Maschinen als an Funk erinnert», schreibt Mirs Plattenlabel A Tree In A Field Records. Tatsächlich hat Buess als Mir-Musiker nie einfach mit vordergründiger Virtuosität den schnellen Effekt gehascht, sondern eine Urkraft in sein Spiel gelegt, sodass eine nicht selten automatisch geile, hypnotische Wirkung im Zusammenspiel mit den anderen Instrumenten erzielt worden ist.

Auf der nun vorliegenden LP geht Daniel Buess noch viel Band-dienlicher zu Werke als etwa auf dem Vorgänger Shock Your Moneymaker. Stoisch etwa treibt er im zweiten Track «Mizza» (siehe unten) den Beat vorwärts in Richtung Tribal Music, oder liefert in «Sacy» den rhythmischen Teppich für durchdrehende, surrealistisch flirrende und zirpende Flöten und Synthie-Filter-Sequenzen aus dem Hause Papiro. Überhaupt wirkt die Musik meist organischer und weniger kalt als auf dem Vorgänger. Als wären die schweren Maschinen lebendig geworden.

Seite B führt uns mit den drei zusammengehörenden Titeln «GCBC», «Akt» und «Owm» weiter in das Mir'sche Universum hinein, wo zwischen Tropfsteinhöhlen und Raketenabschussrampen seltsame Pflanzen und Wesen ihr Eigenleben spazieren führen und aber überhaupt nicht bedrohlich wirken.

Plattentaufe ohne Band in der Kaserne Basel
Man darf nun also auch Kindern Mir vorspielen.
Und was manchmal wie Science-Fiction klingt im Mir'schen Universum, könnte genauso gut einfach Zukunft sein. Am Ende dieser sanften Noise-Platte jedenfalls, nachdem es noch einmal bedrohlich laut geworden ist, Daniel Buess' Spiel aber schon eine Weile und für immer verstummt ist, bleibt die Stille des Friedens als allerletztes Signal.

Doch genug hineininterpretiert.

Mir heisst die Band, WM die limitierte LP und eine «Plattentaufe ohne Band, aber bei voller Lautstärke» wird es am 10. Juni 2021 in der Kaserne Basel geben. Pro Track kostet sie 1 Franken Eintritt. Es werde Licht. Danke, für alles.

Mir: «Mizza»

Mir – WM

(A Tree In A Field Records Basel) erscheint am 21. Mai 2021 als limitierte LP auf weissem Vinyl mit einem Beitrag des RegioSoundCredit des RFV Basel.

Zu beziehen ist die LP im Plattengeschäft, etwa bei Plattfon Basel, oder im Webshop von A Tree In A Field Records.

Mir sind: Daniel Buess † (dr, perc), Marco Papiro (synth, git, vl, shehnai, stylophone) und Yanik Soland (bs). Gründungsmitglied 2005 war zudem Michael Zaugg (synth, electr).

Plattentaufe ohne Band
10.06.2021  Basel, Kaserne

LP-Verlosung
Der RFV Basel verlost eine limitierte LP von Mir. Teilnehmen: E-Mail an den RFV senden. Es wird keine Korrespondenz geführt.

Mir – WM: Cover Artwork: Marco Papiro. Recording, Mix, Mastering und Produktion: Alex Buess. Aufgenommen im SRF Radiostudio Zürich. Engineering: Roger Graf.

Mir Discography (über das Label erhältlich)
2021  WM (Album; LP)
2013  Shock Your Moneymaker (Album; LP, CD)
2009  Abandon Ship (Live-Album; CD) ++ ausverkauft ++
2009  self-titled (Album; Do-LP, CD) ++ ausverkauft ++
2005  Ex Modules (Album; CD) ++ ausverkauft ++

Mir

13/04/2021
Mir © 2015
Mir © 2015

Beiträge
4 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2019