Video of the week: «Cold Blood» von Phoam

Regie: Brigitte Fässler; Konzept: Phoam; Kamera: Fabio Tozzo.

03/05/21  Doktor Fisch

Einen hoch expressiven Frontmann hatte diese Basler Band schon, als sie noch Yaya hiess und etwa mit «Bombs And Mines» ihren vorläufig letzten Videoclip ablieferte (2018). Doch nun, im zweiten Frühling in der Pandemie und neugeboren unter dem Bandnamen Phoam, setzt Frontmann Richard Wipf noch einen Zacken Ausdrucksstärke obendrauf. Eine Ausdrucksstärke allerdings, die emotional kaltblütig und berechnend rüberkommt. Gewollt. Schliesslich heisst der Song «Cold Blood».

Wie auch immer: Phoam will mehr. Und liefert zuerst mal das:

Youtube Video
Phoam: «Cold Blood» (Musikvideo)

Vor Corona geschrieben
Entstanden ist der professionell produzierte, 5 Minuten lange Konzept-Videofilm im gelockerten Quarantäne-Sommer 2020 – geschrieben haben die vier Phoam-Musiker den Song allerdings schon früher, als «Corona» tatsächlich für die meisten von uns nichts mehr als ein mexikanisches Bier in einer lustigen Bar in einer von vielen, offenbar endlos vorhandenen Samstagnächten war.

Und doch nimmt der Song die psychische Belastung, den Zwiespalt, die Zerrissenheit in den manchmal schizophren anmutenden Alltagssituationen der bald folgenden Pandemie samt ihrer Lockdowns ein wenig voraus. Wir ahnen es: «Cold Blood» hat keine Lacher. (Und Corona ist nicht einfach an allem schuld.)

Im Video tritt der Protagonist in zwei abgespaltenen Rollen auf; einerseits als psychisch und physisch leidender und sich windender, in einer unwirtlichen Umgebung spastisch bewegender Mann mit nacktem Oberkörper (vermutlich die Figur namens «Ent») – und andererseits als eiskalter «Agent», der in einer sterilen «Un-schöner Wohnen»-Umgebung eine Art Planet in seiner Hand zu halten und verunreinigen scheint.

Phoam: Cold Blood, Videostill © 2021
Phoam: Cold Blood, Videostill © 2021

Innere und äussere Kämpfe – und kein Happy End

Was folgt, sind innere und äussere Kämpfe, die der Protagonist in seinen zwei Welten oder Häuten auszuhalten versucht – und offensichtlich nicht kann. Gespielt und gefilmt ist das sehr eindringlich. Allerdings bleibt auch viel Interpretationsraum, denn die Beweggründe und Konflikte von «Agent» und «Ent» sind nicht leicht zu lesen oder zu entschlüsseln und die Verbindung ihrer Welten nebulös gehalten.

Allerdings verspricht die Band auch nicht, irgendwelche Lösungen und Wahrheiten über den Zustand des Planeten oder der Menschen oder der psychischen Gesundheit des*der Einzelnen zu haben. Wir nehmen also teil am inneren Kampf eines Menschen, der vieles symbolisieren kann, das zwischen Macht, Ohnmacht und Katastrophe aufgerieben wird.

Happy End gibts also keins.
«It's hopeless / to run from it all». Alles, was wir am Ende erahnen, ist, dass der Protagonist mit den «kaltblütigen Morden», der «kaltblütigen Jagd» und den ebensolchen Kriegen und Verwüstungen nichts mehr zu tun haben will. Das Feeling des «so geht es nicht weiter» also.

Immerhin: Der geschundene Mensch am Ende des Clips, er kann atmen.

Eine ebenso bedrückende wie beeindruckende und reife Leistung der Basler Band und ihres Frontmanns Richard Wipf, inszeniert und in Szene gesetzt von der Basler Regisseurin und Videokünstlerin Brigitte Fässler, die übrigens am 7. Mai mit «cubique», einem erzählerisch-tänzerischen Videoprojekt an verschiedenen Orten, bereits die nächste Premiere feiern kann. Kamera für «Cold Blood»: Fabio Tozzo, der auch schon für Zeal & Ardor gearbeitet hat.

Videopremiere von «Cold Blood» war letzte Woche bei den Kolleg*Innen von Artnoir.

Phoam: Cold Blood (Cover, Single)
Phoam: Cold Blood (Cover, Single)

Die Single «Cold Blood»von Phoam ist am 29.4.2021 erschienen und hier erhältlich.

Phoam sind: Richard Wipf (voc), Jeroen van Vulpen (key), Luca Schürch (bs, git), Sanjiv Channa (dr).

Phoam (ex Yaya)

12/05/2021
Phoam © Lucian Zweifel
Phoam © Lucian Zweifel