Alma Negra – 12 Rhythms Series: Sound-Nomaden auf dem Weg zum Gesamtkunstwerk

Reviews

Die Beschwörung der «Schwarzen Seele» liegt ihrem Sound zugrunde: Alma Negra heisst das spannende Projekt vierer World-Music-Musketiere, die Basel auf die Landkarte postkolonialer Klangkultur setzen und 2017 für den Basler Pop-Preis nominiert gewesen sind.

Album Review / RegioSoundCredit / Export

Hinter Alma Negra verbergen sich die vier Wahlbasler Mario Robles, Dario Rohrbach und die Zwillinge Diego und Dersu Figueira. Sie sind allesamt Freigeister des hiesigen Nachtlebens, konnten sich die vier langjährigen Freunde in den letzten beiden Jahrzehnten bereits solo als DJs und Musiker einen Namen machen. So trat Mario Robles als Teil des DJ-Teams Zaber Riders mit Electro-Klängen in Erscheinung, spielte Dario Rohrbach in Techno-Clubs wie dem Presswerk das Publikum zur erschöpften Euphorie und waren die beiden Figueira-Brüder über die Stadt hinaus als schweisstreibende Funk-, Soul- und Disco-DJs sowie Sessionmusiker gefragt. Mit den drei EPs der «12 Rhythms Series» veröffentlichen sie nun erstmals Musik auf ihrem eigenen Label Alma Negra Records.

Allen gemeinsam: Der Hintergrund ihrer jeweiligen Künstler*innenfamilien in südlichen Gefilden: Spanien, Italien, Portugal und die Kapverdischen Inseln bildeten nicht nur biographisch, sondern auch musikalisch den Background der Secondo-Truppe, die alle auf körperbetonte Rhythmik setzten und von einer langen Tradition schwarzer Musik inspirierten sind.

Alma Negra © 2018
Alma Negra © 2018

Der Hunger nach mehr

Immer auf der Suche nach spannenden, speziellen Sounds haben es sich Alma Negra inzwischen zur Aufgabe gemacht, eine neue Form von World Music zu kreieren: Eine Form von Volksmusik fürs Global Village also, die eine Brücke zwischen indigenen Einflüssen und der hoch- artifiziellen Kultur der Millenials schlägt, und dabei das Insider-Wissen alter World-Music-Hasen einer neuen Generation zugänglich macht. «Wir sind ziemliche Sound-Nomaden», lacht Robles im Interview mit dem RFV Basel.

Dabei entspricht das Projekt durchaus dem Zeitgeist: Sogenannte Ethnic- und Tribal-Einflüsse konnten sich in den letzten Jahren dank so heterogenen Acts wie Acid Arab aus Paris, Auntie Flo aus Glasgow oder Black Coffee aus Südafrika immer stärker auch in den internationalen Dance- und DJ-Charts durchsetzen. Mit der Globalisierung der elektronischen Szene stieg auch das Interesse an den Wurzeln jener Hipster-Genres wie Outsider House, Barrio Beats oder Ethno- oder Tribal-Techno an.

Seit ihren ersten Schritten als Basler DJ- und Veranstaltungsteam mit den «Tropical Cosmic»-Nächten im Sud Basel und in der Lady Bar zeigt die Form- und Fieberkurve ihres «Global Diaspora»-Sound steil nach oben. Inzwischen spielt das Quartett regelmässig auf dem internationalen Parkett, ob an Sommer-Festivals wie dem Dimensions in Kroatien, dem legendären Southport Weekender in London oder – Ende dieser Woche – auf der Reeperbahn in Hamburg bei der Swiss Night. «Es läuft ständig irgendwas bei uns», meint Mario Robles am Telefon – aber: «Es darf durchaus noch ein bisschen mehr werden!» Mehr von was genau: Auftritte, Releases, Labelarbeit? «Alles!»

Alma Negra – Visions EP (Cover) © 2018
Alma Negra – Visions EP (Cover) © 2018

Magische Rituale und Volksmusik-Voodoo

Was also zeichnet inmitten der Release-Welle von indigen inspiriertem Club-Sound den typischen Alma-Negra-Approach aus?

Als erstes fällt an der der «12 Rhythms Series» die formschöne Verpackung auf: Jede der drei EPs prägt das kongeniale Artwork von Tchale Figueira, seines Zeichens Vater der Zwillinge Diego und Dersu und kapverdischer Maler. Auf schwarzem Hintergrund heben sich in wenigen Strichen geisterhafte Masken ab – eindrückliche Bilder, die alleine den Kauf der Scheiben rechtfertigen würden und sich auch an jeder Ethnologie-WG-Wand gut machen.

Die simple, aber geniale Idee, sogenannten World-Musik-Perlen ein zeitgeistiges Gewand zu schneidern, haben Alma Negra mit der «12 Rhythms Series» aber nicht nur grafisch, sondern auch musikalisch perfektioniert. Die erste EP Visions, die Anfang 2018 erschienen ist, skizziert am Beispiel Brasilien die ureigene Vision des Quartett. Inspiriert von der magischen Tradition eines Candomblé oder dem Kampfsport-inspirierten Tanzstil Capoeira (von den Figueira-Brüdern praktiziert) zeichnen die drei fesselnden Tracks schweisstreibende und Trance-induzierende Beats aus, die von traditionell brasilianischen Grooves inspiriert sind.

Alma Negra – Maloya EP (Cover) © 2018
Alma Negra – Maloya EP (Cover) © 2018

Maloya, die zweite EP, widmet sich dagegen einem Lieblingsalbum der Musiker aus der reichen Insel-Tradition des französisch-pazifischen Paradieses La Réunion. Christine Salem heisst die Künstlerin, deren Klassiker «Tany Be» und «Kabaré» mit einem zeitgemässen Gewand versehen wurden, das auf der Tanzfläche genauso funktioniert wie beim Hören in der heimischen Stube.

Alma Negra – Eritrea EP (Cover) © 2018
Alma Negra – Eritrea EP (Cover) © 2018

Urchig-Exotisches aus Eritrea

Noch exotischer und urchiger kommt als letztes nun Eritrea daher. Hier liessen sich Alma Negra von der Zusammenarbeit mit der Berner Gruppierung Sirens Of Lesbos inspirieren, deren Mitglieder teils eritreische Wurzeln haben. Für einen symbolischen Betrag an die afrikanischen Herausgeber von Colophone Records konnte das Joint Venture nun Field Recordings – also anthropologische Feldaufnahme rituellen Trommelns und Gesangs aus Dörfern Eritreas – wiederveröffentlichen.

Dabei zeigt sich nun der ganze Zauber des Projekts: Die Chants und Beats entwickeln im Verlauf der EP hypnotische Qualität und zeigen die gemeinsamen Wurzeln von Stammesritualen und zeitgenössischer Clubkultur auf. Bindeglied hier, wie überall bei Alma Negra: Die beseelte Glückseligkeit des ekstatischen Tanzes, die teils dunkel beschwört, teils euphorisch besungen wird.

Die Global Village im Live-Lokal
Was liegt da also näher als diese beiden Elemente Alma Negras auch live zu verbinden? Zum Reeperbahn-Festival Auftritt wird Alma Negra erstmals dank Unterstützung zweier hiesiger Jazzschulabsolventen an Drums und Keys als Live-Band auftreten. Aufgeregt? «Ja, sicher. Wir sind noch am Proben. Bisher waren wir noch nicht ganz zufrieden mit unserem Live-Sound. Wir wollen den Zuhörer*inen in Zukunft ein hochstehendes Erlebnis bieten, ohne allzusehr auf Konserve zurückgreifen zu müssen. Der Jam-Faktor soll im Zentrum stehen.» Nicht nur auf der Bühne: «Wir planen, auf unserem Label ab nächstem Jahr zunehmend auch eigene Aufnahmen unseres Bandprojekts zu veröffentlichen.»

Der Schritt zum Gesamtkunstwerk liegt damit zum Greifen nah.

Alma Negra – 12 Rhythms Series (Covers)
Alma Negra – 12 Rhythms Series (Covers)

Alma Negra – «12 Rhythms Series»

Die «12 Rhythms Series» umfasst die drei EPs:

  • Alma Negra – Visions EP (5.2.2018)
  • Alma Negra – Maloya EP (9.4.2018)
  • Alma Negra – Eritrea EP (26.5.2018)

Erschienen auf Vinyl und digital, mit einem Beitrag des RegioSoundCredit des RFV Basel. Erhältlich über Bandcamp, Juno und im Plattenladen.

Artwork by Tchale Figueira.