Die Platten des Jahres 2012

Mit Tre Cani, David Howald, James Gruntz, Reding Street, The Drops, Bitch Queens & The Lombego Surfers, Lovebugs, Handsome Hank, Arf, Famara, Wilde, L-Montana und The Bianca Story.

01/01/12  Pascal Cames, Doktor Fisch, Reto Aschwanden, Dänu Siegrist

Tre Cani – Con Le Ali

Eine kleine Nachtmusik – Immer auf die Zwölf, das könnte das Motto des Basler Trios Tre Cani sein, das mit Con Le Ali eine fiebrig-überspannte Stimmung erzeugt. Das zweite Album der Band, hinter der das Multitalent Mimmo Digità und die DJ-Brüder The Famous Goldfinger Brothers stecken, ist Musik für Tänzer und Trinker, am besten nach Mitternacht.

Je nach aktueller Lage (zu langweilig, zu kommerziell, zu retro …) heisst es ja, dass HipHop auf den Hund gekommen ist. Von den drei Cani, hier als Pete Dirty, Charly Waste und Jean Trash am Werk, lässt sich das auch behaupten, ziehen sich unter dem Namen Drei Hunde um die Blocks. Ihr erstes Album hiess Ho Fame (=Habe Hunger!) und erschien 2007, mit einem Beitrag des RegioSoundCredit vom RFV Basel.

Old School forever young

Das zweite Album Con Le Ali startet mit dem Intro «Defibrillator», das wie eine ausgefuchst fiepige Einführung in die 80er-Jahre klingt oder auch in den Backkatalog von Warp oder einem anderen britischen Elektronik-Label, also auch – irgendwie – 80er. Sehr auf strictly rhythm getrimmt geht es auf den folgenden neun Tracks weiter ins Retroland of the good groove. «Keep Walking» wäre ein guter Song für New Yorker B-Boys, der zwischen Disco und Electro oszillierende Titeltrack würde auch jeden coolen Club die Tanzfläche füllen und das 4-to-the-floor angelegte «Deathtime» macht auch über die Sperrstunde hinaus Lust aufs Tanzen. Bei «Inside Out» wird man an den Tom Tom Club erinnert und dessen lockeren Umgang mit Rhythmen. Alles retro?

Was nach mehrmaligem Anhören bleibt: Tre Cani bedienen sich aus mehreren Quellen. Das Label «Ghettotech» (SoundCloud) trifft die Sache nur unzureichend. Techno, House, HipHop, Electro und Industrial treffen sich hier zum Clash der Kulturen. Das Album macht tagsüber nervös, abends aber Lust auf den Dancefloor. Alte Geräte klingen immer noch gut. Old Skool ist nicht tot, sondern in diesem Moment forever young.

Tre Cani – Con Le Ali

(Ça Claque Records, Basel) ist im November 2012 erschienen.

Tre Cani – Con Le Ali (Cover)
Tre Cani – Con Le Ali (Cover)

Tre Cani

07/08/2019

Beiträge
3 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2010
5 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2006

Bitch Queens © 2012
Bitch Queens © 2012

Bitch Queens – Suck It Up

Mit «Aint’ Good Enough» geht die neue EP der Bitch Queens so forsch los wie ein nervöser Neulenker am Rotlicht. Die Referenz ist schnell herausgehört, «We’re A Happy Family» der Ramones schwingt mit, also NYC-Proto-Punkrock 1976. Rund 35 Jahre später klingen die Bitch Queens aber nicht wie die Ramones, sondern wie die Bitch Queens, der dicke Fels in der Brandung des dirty Glam-Punkrock made in Basel.

Suck It Up heisst die CD-EP, die Anfang Oktober auf dem Basler Plattenlabel Lux-Noise rausgekommen ist. Sie gibt sechs Songs zum Besten, drei davon waren bereits auf der wunderbaren 7inch-Splitsingle-Reihe. der Bitch Queens vertreten und hier nun auch für alle Nicht-Vinyl-Junkies ohne mp3-Player greifbar. «Suck It Up», der Titelsong, ist ein straighter Punkrockknaller und macht in knapp zwei Minuten klar, wer wo was zu nageln hat.

Am 11. Oktober 2012 dann, frisch zurück von einer Mini-Tour durch Berlin, Tschechien über Wien nach Frankreich und zurück in die Heimatstadt, standen Kid Krystal, Captain Ace, Diamond Dan und Marc Steele a.k.a. Bitch Queens in einer Bar im Kleinbasel auf der Bühne und schwitzen mit ihren Fans durch einen äusserst ausgelassenen Abend. Man war auf der Bühne sichtbar ein wenig fertig von der Tour durch das Land des Biers und doch immer dann am besten, wenn Punk und Tempo grösser geschrieben wurden als Rock und Pose.

Bitch Queens' legendäres Plattenlabel feiert

Suck It Up ist ein knapp 20-minütiger heisser Drive durch eine Rock’n’Roll-Party 2012 und macht genau deshalb viel Spass. Mit komplizierten Bühnenchoreografien, ausgeklügelten Lasershows und seltsamen Cateringwünschen sollen sich andere «Stars» rumschlagen. Hier, bei den Bitch Queesn, regiert King Punkrock mit all seinen Bitches mit den grossen Bierbechern, in die die verschwitzte Schminke tropft.

Mitte November sind die Bitch Queens wieder live in Basel zu sehen, am 25. Geburtstag ihres Plattenlabels Lux-Noise. Gefeiert wird mit viel Live-Musik am 16. November im Hirscheneck und am 17. November 2012 in der Kaserne Basel. Wem Lux-Noise auf den ersten Hieb nichts sagt, dem sei ein Blick auf den fast schon legendären Back-Katalog empfohlen: Baby Jail, Touch El Arab, Undergod, Domina & The Slaves, Stevens Nude Club, Dogs Bollocks ... – ein Stück Schweizer Pop- und Rockkulturgeschichte.

Bitch Queens – Suck It Up

(Lux-Noise/NonStopMusic) ist Anfang Oktober 2012 mit einem Beitrag des RegioSoundCredit erschienen.

Bitch Queens – Suck It Up (Cover)
Bitch Queens – Suck It Up (Cover)
Youtube Video
Bitch Queens: «Suck It Up»

Bitch Queens

15/10/2019
Bitch Queens 2019 © Flavia Schaub
Bitch Queens 2019 © Flavia Schaub

Beiträge
2 000 CHF | RegioSoundCredit Musikvideo | 2019
2 000 CHF | RegioSoundCredit Tournee | 2018
6 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger, Musikvideo | 2016
3 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2013
3 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2011
3 000 CHF | RegioSoundCredit Musikvideo | 2010
5 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2009

David Howald – Set Out To Meet Beauty

O ja, das ist mutig. Der singt, der schreit, der schreitet das weite Feld der Gefühle ab. Drama, Baby Drama. Keine Angst vor Untiefen und auch nicht vor einsamen Höhen. Einsamkeit. Der Mann dreht sich im Kreise und rockt am Piano seine Welt. Howalds Welt aus Rock, Prog, Kitsch, Chanson und Gospel.

Ein bisschen Sanftmut und Samt, ein bisschen Chi-chi und Härte à la Elton John und auch Tom Waitsche Verzweiflung. Hier geben sich Grandezza, Grossmannssucht, Gosse und Gaga-Grössenwahn die Klinke in die Hand. Eine einsame Seele mit Liebeskummer und Weltschmerz. David Howald ist der Mann mit Schmelz in der Stimme (optional), rauer Kehle, Herz und Cojones dort wo sie sein sollen. Keine Frage, da singt ein ganzer Kerl.

David Howald © 2012
David Howald © 2012

David Howald war Verschollene, der diesen Freitag sein Comeback gibt. Vor vier Jahren spielte er sich mit Band und Album Vampire In A Hurry ins Bewusstsein, darauf zu hören epische Rockballaden. Dann sah man den jungen Mann öfters mal auf Basler Bühnen und man wusste, dass er an einem Album arbeitet.

Seit 2010 sprach man davon. Was ging in dieser Zeit in David Howald vor? Sicher ist, dass aus der Band ein Ein-Mann-Projekt wurde, das aber nicht ohne Musiker auskommt. Auf dem neuen Album Set Out To Meet Beauty spielen diverse Musiker, ausserdem ist Jari Antti (Navel) an einem Song beteiligt. Von einem Bandsound kann man aber nicht sprechen, wohl aber von einer Howaldschen Wall of Sound. Inside out, hier kehrt jemand sein Innerstes nach Aussen.

Ganz grosses Kino

In den meisten Songs begleitet sich Howald selbst am Piano, was die Dramatik nur verstärkt, sogar dann, wenn das Piano mal nur plätschert und nicht hämmert (vielleicht sogar dann noch mehr!). Als zweites tragendes Instrument ist das vibrierende Cello. Ungeduld und Aufgewühltheit zeichnen diese Stimme und Cello-Songs aus. Auch die Streicher geben den Balladen das Prädikat «ganz grosses Kino». Nur einmal lässt sich David Howald von einer Gitarre begleiten und das ist gut – anders – zeigt es doch, wohin die Reise auch gehen könnte.

In Werbetexten würde man an dieser Stelle von einem «Alleinstellungsmerkmal» sprechen, denn der Shouter hat auf seinem Feld nicht viele Konkurrenten und ein paar grosse Vorgänger. Aber, die alten Helden sind müde, also: don't shoot the piano man! Es wäre verdammt schade.

David Howald – Set Out To Meet Beauty

ist Ende September 2012 mit einem Beitrag des RegioSoundCredit erschienen.

David Howald – Set Out To Meet Beauty (Cover)
David Howald – Set Out To Meet Beauty (Cover)

David Howald

17/06/2019
David Howald ©
David Howald ©

Beiträge
3 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2010

James Gruntz – Closer

Mit dem Album Until We Get There und überzeugenden Konzerten setzte James Gruntz seinen Namen letztes Jahr dick auf die Schweizer Musiklandkarte. Nun schiebt er eine EP nach, die nicht als nächste Stufe zum Erfolg, sondern als Schritt zu Seite betrachtet werden sollte.

Closer klingt, wie es aussieht. Auf dem Cover steht James Gruntz am Palmenstrand, den Blick nachdenklich nach innen gerichtet, unterm Arm eine Ukulele. Die lässt erst einmal nichts Gutes erahnen, denn es gibt Gründe, weshalb das Klimperding landläufig eher als Spielzeug denn als ernstzunehmendes Instrument wahrgenommen wird. In den letzten Jahren erfuhr die Ukulele allerdings eine Rehabilitation (wenn selbst Eddie Vedder ein Album damit einspielt …) und so wollen wir Gruntz nicht am Instrumentarium aufhängen. Ist ja seine Sache, womit er seine Lieder spielt.

Hören wir also hin und entdecken fliessende, leichtfüssig federnde Stücke in luftigen Arrangements. Rhythmusgruppe und Ukulele sorgen für entspannten Flow, Gruntz’ Gesang und gelegentliche Pling-Plong-Singlenote-Einschübe der E-Gitarre für süsses Sehnen. So tönt ein Sommerabend.

Das Material bestätigt, was man schon wusste: Dass Gruntz nämlich zu den grossen Talenten unter den hiesigen Songwritern zählt. Schon die Songs des letzten Albums zeigten ihn als Sensibilisten, dessen Lieder an einem schlechten Abend vom Unaufdringlichen ins Unverbindliche kippen können. Diese Gefahr ist bei diesen betont beiläufig gespielten Stücken umso grösser. Doch sobald der 24-Jährige zu singen anfängt, packt er den Zuhörer beim Gefühl und lässt nicht mehr los. Es ist keine aggressive Vereinahmung, behüte, sondern eine freundliche Umarmung der man sich gern ergibt. Und bevor es allzu kuschelig wird, gibt die Band im einen oder andern Stück gegen Ende mal Gas und schrammt die rührenden Melodien auf.

Drei der sechs Stücke sind neu, dazu kommen zwei Versionen des bereits (unter anderem als Remix von DJ Antoine) bekannten «Song To The Sea», zu dem es auch ein Video gibt, sowie ein zwölfminütige Fassung von «Killing You». Eingespielt wurde Closer von der Band, mit der Gruntz diesen Sommer unterwegs ist. Und damit das Feeling auch auf Tonträger stimmt, agierte man im Studio live. Gruntz wuselte dabei zwischen Aufnahme- und Kontrollraum hin und her, denn der Bandleader fungierte auch als Produzent und Mischer.

Ein Schritt zur Seite, so sollten wir diese EP betrachten. Denn das ist der Sinn einer solchen Veröffentlichung: Eben kein kanonisches Album, das einen Musiker definiert und im besten Fall die Zeit überdauert. Sondern einfach eine Handvoll Songs, ein Studio, spielen und schauen was passiert. Eine Möglichkeit, Dinge auszuprobieren für den Künstler, ein Aloha von unterwegs für die Fans. Eine gute Sache.

Youtube Video
James Gruntz: «Closer» (Musikvideo)

James Gruntz – Closer

(Bakara Music/Nation Music) ist am 18. Mai 2012 erschienen.
Das Video «Closer» wurde mit einem Beitrag des RegioSoundCredit unterstützt.

James Gruntz – Closer (Cover)
James Gruntz – Closer (Cover)

James Gruntz

21/05/2019
james Gruntz © 2017
james Gruntz © 2017

Beiträge
15 000 CHF | Basler Pop-Preis (Jurypreis) | 2014
7 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2014
3 000 CHF | RegioSoundCredit Musikvideo | 2012
7 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2009

Reding Street – Stone Wall

Etwas stimmt nicht auf dem Planeten E, das haben mit 1% Ausnahme alle begriffen. Als alter Mensch mag einen das langsam kalt lassen, denn so war es immer. Als junger Mensch aber schaut man unsicher in die Zukunft und um die nächste Strassenecke. Mister Paranoia wohnt noch nicht in allen Köpfen, aber er macht gute Beute. Verunsicherung? Aber sicher. Angst? Ab und an. Verzweiflung? Immer öfters. Wut? Noch öfters. Ironie? Eine Luxushaltung. Fatalismus? Nicht wirklich der Treibstoff, mit dem der Weg in eine grossartige Zukunft in Angriff genommen wird. Politik? –– ? Die haben das doch alles vergeigt auf Planet E! Die, und die 1 % von der Wall Street ... Also doch Rock?

Protestrock geht heute nicht mehr. Revolte von unten funktioniert über «I like»-Rudel im Internet auch nicht wirklich. Man muss auf die Strasse, occupy and stay. Man muss in die Köpfe der Menschen, und in ihre Unterhosen. Und mit Musik geht das immer noch besser als mit Heilfasten, Karate oder konkordant-versauter Machtpolitik.

Reding Street © 2012
Reding Street © 2012

Reding Street sind 20, 21, 22 Jahre jung, dabei scheinen sie schon ewig mit dabei zu sein in der Musik-Community Basel. Kein Bandcontest ohne RS! Doch das war mal. Vom etwas ungelenken, aber supertalentierten Teenager-Trio hat sich die Band in den letzten vier Jahren zum Quartett und zur festen Nummer im Basler Rock- und Pop-Park hochgearbeitet. Manchen war ihre Musik zu kopflastig, zu perfektionistisch, wohl auch zu Emo, aber man muss die Kritiker und Nörgler reden lassen, bis sie verstummen oder zu alt sind, um ernst genommen zu werden.

Mit dem Debutalbum Stone Wall stehen die Chancen dazu für diese junge Band besser denn je. Es ist, zusammengefasst, ein beeindruckendes Teil lauten, transparenten ProgRocks, mit Zwangsjacke auf dem Cover, die vielfach deutbar ist. Und der Aufforderung der Band, Mauern niederzureissen («break the stonewall down/they have built around you»), sollten wir vielleicht selber in die Tat umsetzen. Und nicht den High-Tech-Baggern der fetten Bauunternehmer überlassen, die sowieso und immer die falschen Mauern einreissen.

Man rettet nicht den Planeten, man rettet sich selbst.
Die 11 Songs auf Stone Wall fügen sich zu einer hymnischen, dichten, nachdenklichen und aufbrausenden Sound-Wolke zusammen, die erhaben übers Land zieht und einen mitnimmt, obwohl man doch gerade scheinbar besseres zu tun hat.

Vielleicht ist es ein Crossover-Meuchel-Wuchter wie der Song «Omniscient», der einen mitnimmt. Vielleicht die Ballade «Overkill». Vielleicht das mit Killerriffs aufgeladene «Rage» oder auch die Ausgelassenheit zwischen filigraner Melancholie und moshigem ProgRock wie in «Hunter». Oder vielleicht die ausgefuchste Komposition, die hymnische Selbstverständlichkeit von «Stone Wall», einem Song, der Pink Floyd, Madrugada oder Porcupine Tree ebenso mitdenkt wie der Glaube daran, dass die persönliche Botschaft aus tiefstem Herzen nicht falsch sein kann. Auch wenn sich andere das Maul darüber zerreissen, dass Klage, Wut, Lyrik, Parole und der Glaube an Veränderung doch völlig uncool seien. Na und? Man rettet nicht den Planeten, man rettet sich selbst.

Getextet hat meist Bassistin und Co-Sängerin Selina Girod in eindringlichen Worten (nachzulesen im Booklet), das Schlagzeug von Tobias Herzog arbeitet tief und zuverlässig bis wahnwitzig im Maschinenraum der Band, wo der Rock zusammengehalten wird. Thomas Starzynskis Gitarrenarbeit ist bei den ganz Grossen angesiedelt und sein Gesang eine Wohltat im Krächz-Jahrzehnt des Plastik-Pops. Und schliesslich steuert Luca Corman, der neue Mann, mit den Keyboards einiges an das breite Spektrum des Sounds bei. Aufgenommen wurde Stone Wall in Krakau, Polen, wo Starzynskis Zweitheimat liegt. Wer das Vertrauen in den Euro verloren hat, sollte sich vielleicht polnische Zlotys kaufen wie Reding Street, keine schlechte Idee.

Die Musikalität ist hochgradig beeindruckend, der Sound glasklar und gelassen. Hier ist nix mit Schrammel oder Garage oder Bubblegum Punk oder blassem, gefälligen Pop oder Betroffenheits-Fräulein-Pianofolk. Reding Street verlangen uns einiges ab und entlassen uns mit der Einsicht, dass es sich lohnt. Was auch immer. Fuck you all war gestern. Und Love you all vorgestern. Heute ist Machen. Auch mal mit dem grossen Hammer.

Und natürlich ist die Kopflastigkeit zum Teil noch da – vermutlich einfach, weil der Kopf noch da ist. Und: ein hohes Selbstbewusstsein gepaart mit einer gewissen Scheu, einem Zögern. Und natürlich ist Reding Street am Schluss doch dicker lauter Pop. Popular Music, brutally talented. Debut Album! Jede und jeder hat ein Zeitfenster on Planet E. Ihres fängt hier erst so richtig an. Wer diese Band unterschätzt, sollte sich fürs Aufwachen im Nachher schon mal ein paar gute Ausreden zurechtlegen. See you at the stadium, folks.

Reding Street – Stone Wall

(Irascible/Eigenverlag) ist am 25. Mai 2012 erscheinen mit einem Beitrag des RegioSoundCredit.

Reding Street – Stone Wall (Cover)
Reding Street – Stone Wall (Cover)

Reding Street

24/05/2019
Reding Street © 2012
Reding Street © 2012

Beiträge
5 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2011
13 000 CHF | Sprungbrett Coaching | 2010
5 000 CHF | RFV-DemoClinic Coaching | 2009

The Drops – Flying Dutchmen

Das Schweizer Online-Musikmagazin Trespass.ch scheint recht euphorisiert zu sein von der Debut-CD der jungen Basler Popband The Drops (Bild): «Flying Dutchmen von The Drops ist nicht nur eines der besten Alben, das die Schweizer Szene heuer erlebt hat und noch erleben wird. Es wird auch ennet den Landesgrenzen für Aufsehen sorgen.» Das hofft der RFV Basel natürlich auch, schliesslich hat er das Werk bzw. den Videoclip dazu mit einem Beitrag des RegioSoundCredit unterstützt.

Doch nochmals Trespass, bevor der Hinweis zur Plattentaufe kommt: «Mit unglaublicher Selbstverständlichkeit zaubern Noah, Kevin, Oliver und David aus den zehn Songs zehn wahre musikalische Kunstwerke, die jedes für sich als Synonym für den Allerweltsbegriff Pop-Appeal stehen könnte.» Übrigens, der Song «Eleanor» von der neuen CD kursiert schon eine ganze Weile im Netz und Äther – ein superleichter Ohrwurm mit Nano-Widerhaken – und mit «Fire On Your Feet» gibt's gleich nochmals einen Hit-Videoclip aus diesem Jahr.

Jesus Himmelfahrt bzw. die Auffahrt macht nun einer eingehenden Listening-Session und CD-Besprechung einen Strich durch die Rechnung. Deshalb kurz und bündig:Das Warten auf die CD hat ein Ende, auf in die Kaserne Basel! Tonite, 18. Mai, mit den ebenso frenetischen Venetus Flos im Vorprogramm und Aftershow Party mit DJ Mario Robles & Mehmet Aslan.

Youtube Video
The Drops: «Eleanor»

The Drops – Flying Dutchmen

(Radicalis/Irascible) ist im Mai 2012 mit einem Beitrag des RegioSoundCredit erschienen.

The Drops

07/08/2019
The Drops © Elias Kaiser 2015
The Drops © Elias Kaiser 2015

Beiträge
3 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2013
3 000 CHF | RegioSoundCredit Musikvideo | 2011
5 000 CHF | Sprungbrett Coaching | 2010
5 000 CHF | Sprungbrett Coaching | 2009

Indie / Pop / Rock

Bitch Queens & The Lombego Surfers – Split-Single

7 inch breit, 2 schwarze Vinyl-Seiten, 1 pro Band, 2 Songs pro Band und ein schmuckes Cover: Die neue Split-Single der Basler Powerrocker Bitch Queens und ihrer Voodoo-Garagerock-Compadres Lombego Surfers wird am Mittwoch, 16. Mai 2012 im Hirscheneck in Basel getauft. Mit den zwei neuen Songs «Bitch Fight» und «Hot Shot» werden die Bitch Queens ihrer Rolle als derbe, hochenergetische, aber immer smarte Rocker im Geiste von Turbonegro einmal mehr gerecht: Powerrock mit eingängiger Gitarrensprache dröhnt aus den Boxen.

Kinder des Rocks
Natürlich gehörte eigentlich der Eltern-habt-Sorge-zu-euren-Kindern-und-verbietet-ihnen-am-besten-gleich-alles-Kleber «Parental Advisory: Explicit Lyrics» auf das Cover der Single. Doch da ist er nicht, man will ja eh nicht unbedingt die Justin-Bieber-Front im Hirscheneck-Keller versammeln. Eher: Rock'n'Roll-Damen und -Herren mit Stil und Lust auf eine Chef-Party zweier Generationen: die Bitch Queens als Twentysomethings, die Lombego Surfers als heranwachsende Power-Grosseltern. Deshalb also kein Warnkleber, dafür ein Konzert für reife Eltern und ihre leder- und jeansjackenbewaffneten Kinder des Rocks.

Zurück zur Single: Eine Reise in dröhnende Surferreservate mit lottrigen Voodoo-Kneipen bietet die beste Band der Welt, die Lombego Surfers: «Greenfuzz» ist ein lupenreines Instrumental mit schwerem Dick Dale-Einschlag. «Out Of Here» knarzt aus der Garage in die heisse Sonne, als hätten die Ramones im R'n'R-Himmel doch noch endlich gelernt, ihre Instrumente zu spielen. Die Lömbegos haben zwar über 20 Jahre mehr auf dem Buckel als ihre Kollegen auf der Single, doch solche Frische findet man weder auf dem Basler Marktplatzmarkt noch bei Hieber's ennet der Grenze. Einmalig, diese Band.

Zwei Rockgenerationen auf einer Single und in einem Konzert: Da werden, wie Gerhard Polt so schön sagt, «die Funken spritzen». Die Brandung ist bereit. Der Cupfinal kann warten bzw. ist dann schon im Trocknen. Man weiss ja: Der Ball ist rund, Rock ist tot, Vinyl eine Gleitcrème und die Welt eine Scheibe.

But who cares, solange der Mittelfinger noch grad in die Luft zeigen kann.

Bitch Queens – Split-Single feat. The Lombego Surfers (Cover)
Bitch Queens – Split-Single feat. The Lombego Surfers (Cover)

Bitch Queens

15/10/2019
Bitch Queens 2019 © Flavia Schaub
Bitch Queens 2019 © Flavia Schaub

Beiträge
2 000 CHF | RegioSoundCredit Musikvideo | 2019
2 000 CHF | RegioSoundCredit Tournee | 2018
6 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger, Musikvideo | 2016
3 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2013
3 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2011
3 000 CHF | RegioSoundCredit Musikvideo | 2010
5 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2009

The Lombego Surfers

07/08/2019
The Lombego Surfers © Matthias Willi 2017
The Lombego Surfers © Matthias Willi 2017

Beiträge
3 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2017
4 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger, Tournee | 2013
4 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2010
5 000 CHF | RegioSoundCredit Tournee | 2008

Lovebugs – Life Is Today

Seien wir mal ehrlich: Wir hören Musik, weil es uns zum Beispiel nicht besonders gut geht und wir das ändern wollen. Oder wir hören Musik, weil es uns gut geht und wir das manifestieren oder gar hochkatalysieren wollen. Dazu ist Musik da, darin ist sie gut, vor allem Popmusik. Oder wie Karl Lagerfeld sagt: Das Leben ist zu kurz für langweilige Kleider. Hat er natürlich nicht gesagt, aber man kann das ja einfach mal behaupten, ohne gleich verklagt zu werden. Gesagt hat Karl allerdings: In der Mode geht es um zwei Dinge: Evolution und das Gegenteil davon. – Das ist im Pop nicht anders.

Pop kann heilen
Popmusik soll also die Gemütslage verbessern. Mother's little helpers. Popmusik, die wiederum aus einer miesen Gemütslage des Songwriters heraus entstanden ist, muss nicht unbedingt die Laune des Hörers verschlechtern, nein, denn sie kann einen Nerv in ihm treffen, der seine Enden am gleichen Problem hängen hat: enttäuschte Liebe, gar keine Liebe, enttäuschtes Leben, gar kein Leben, keine Zukunft und zu viel Vergangenheit und als Folge davon: unerträgliche Langeweile, die Pop sofort ausfüllt. Wenn man denn die Hand hinhält oder das Herz. In Momenten würgender Einsamkeit kann es ganz gut sein, wenn einem ein Song erzählt, dass da draussen noch jemand ist mit dem selben Problem. Das kann Leben retten, Pop kann heilen. – Is it getting better? Or do you feel the same?

Lovebugs © Tabea Hüberli 2012
Lovebugs © Tabea Hüberli 2012

Ein Bild sagt mehr als einem lieb ist

Pop als die Gleichzeitigkeit von allem, als die totale Dehnbarkeit von Raum und Zeit, Pop als süsse, ewige Nahtoderfahrung: Das wäre natürlich das Ideal. Daran kommen aber pro Jahrzehnt höchtens drei oder vier Songs ran. Der Rest der in der Hitparade vertretenen Musikmasse ist platter Durchschnitt mit grossem Werbebudget. Dieser Markt ist der knallharte Kriegsplatz von Marketing-War-Lords, Promotions-Prostituierten, Talent-Schlepperbanden und dreckigen Hurensöhnen. Man muss nicht extra Don DeLillos «Cosmopolis»gelesen haben (oder bald gesehen) um zu wissen, dass Leute, die Geldverdienen – womit auch immer – als Orgasmusmaschine verstehen und nicht als Erlösungsschrift, sich nicht mit Gefühlen, Zweifeln oder Pusteblumen am Wegrand aufhalten. Dafür kann Popmusik nichts, denn sie ist dort nur beliebiger Spielball kapitalistischer Interessen. Und nicht Kunst, Teenage Kunst for a lifetime. – Doch genug. Dieser Erguss hier hat ja auch gar nichts mit den Lovebugs als Band zu tun. Aber mit uns ganz bestimmt.

Das elfte Lovebugs-Album Life Is Today zeigt uns auf dem Cover erstmal die Band, klein und zusammengeschweisst in einer nicht gerade lieblichen, weil ansonsten menschen-, fauna- und floraleeren Welt. Irgendwo, wo es heiss ist, aber keine Swimmingpools oder Gelati-Verkäufer rumhängen. Also so ähnlich wie auf den Golanhöhen, in der malischen Wüste, im Grossbasel oder in sonst einer feindlichen Geröllhalde da draussen auf dem grellen Planeten.

Möge das Benzin woanders ausgehen. Und weil die Landschaft gross und feindlich ist, stehen die fünf Lovebugs eng zusammen unter dem mächtigen Himmel und vor den kargen, in die Bildmitte abfallenden Hügelkanten (Bilder: Tabea Hüberli, die auch das Lovebugs-Buch «Coffee and Cigarettes» fotografiert hat).

Lovebugs © Tabea Hüberli 2012
Lovebugs © Tabea Hüberli 2012

Was das Bild signalisiert: Orientierungslosigkeit, Verlorenheit, Unentschlossenheit, Angst und die Frage: Hier sind wir nicht zuhaus, wie kommen wir hier wieder lebend raus? Obwohl völlig anders verortet, hat das Coverbild etwas von David Hockneys berühmter Photocollage «Pearblossom Highway» aus den 80er Jahren. Die Perspektive zeigt beides Mal ins Nichts und – davon kann man ausgehen – dort ist nichts. Man tut gut daran, dem Nichts, so wie die Lovebugs, den Rücken zuzukehren.

Berührender «Little Boy»
Die 15 Songs auf dem neuen Album der Basler Vorzeigeband sind aus einem Guss, nämlich mit runtergekochter Dynamik und im Klangbild eines endlosen Wattefelds in Richtung Arenasound produziert. Eine wehmütige Gitarrenfigur eröffnet den ersten Song «Beautiful One» und so könnte es auch weitergehen: Doch dann wäre die Platte nicht Pop, sondern Minderheitenprogramm. Und das will niemand von den Lovebugs hören. Also geht es poppig weiter.

Zweifellos berührend ist «Little Boy», ein Song über Verlust (Kindheit) und Angst (Alter). Irgendwo zwischendrin im Leben also, an der Scharnierwegmarke um die 40 rum, wo das gelebte Leben und das eventuell noch zu lebende sich in etwa die langweilige Waage halten. Der kleine Bub aber, der sich staunend und träumend umschaut(e), das ist der Songwriter selber. Adrian Sieber also. Die Stimmung in «Little Boy» erinnert an Elliott Smith, den zu früh verstorbenen Songwriter zwischen ungewolltem Pop und überstarkem Elend. In «Save Your Love», dem 15. und letzten Song, sagt der Sänger der Liebenden dann eindringlich, dass sie bei ihm nicht gut bedient sei, dass sie ihre Liebe doch für jemanden anders aufheben soll.

Missverständnis Wut?

Life Is Today ist eine vielleicht etwas zu brav geratende Platte über Wehmut, Unentschlossenheit, Zweifel, Freundschaft auch und Durchhalteparolen. Doch die Stimme dringt nicht wirklich zum Hörer durch, weder als Organ noch als Instrument und die musikalischen Ideen wirken oft zu zaghaft. Es klingt wie «Packen wirs an!» und lässt einen mit der scheuen Frage allein: «Okay, aber was genau?» Die letzte Lovebugs-Platte Highest Heights war da treibender, präziser, athmosphärischer und auch lustvoller. Neue Songs wie «Truth Is» oder auch «Holes» knüpfen dort an; viele andere aber nicht. Man hängt im Referenzsystem des Schon-oft-Gehörten wie eine Spinne im Schutz vor Dauerregen.

Und Life Is Today ist, aus dieser Sicht hier, eine Platte, die eines eben nicht sagt, nämlich: Wut. Man kann sich – vor allem, aber nicht nur, als kreativer Mensch – irgendwann selber hassen und die Welt drumherum gleich mit. Dafür, dass sich Träume nicht erfüllt und Wege verlaufen haben, dass Herzen zerbrochen sind und Menschen verloren gingen, auf der Reise. Grosse Themen für grosse Popsongs, eigentlich. Don't look back in anger. Ja, man kann sich die Wut artikuliert, lyrisch aufgeladen und musikalisch prall aus dem Leib schreien und fucking angry sein. Man kann das, man muss es irgendwann sogar, um glaubwürdig zu bleiben. Nicht als Band, aber als Mensch und Songwriter.

So denkt man, und sieht dann aber ein: Vermutlich ist es ein Missverständnis, dass die Lovebugs dies überhaupt wollen – angry sein –, dass sie das überhaupt in musikalische Erwägung gezogen haben. Angry for what? This is Pop und zwar seit 20 Jahren!, könnte die Antwort der Lovebugs lauten und auf der CD lautet sie: «Things can only get better», so im Song «Come To An End», «I'm feeling stronger than before (...) and I'm here to start all over». – Evolution, Baby! Oder das Gegenteil? Der Hörer, die Hörerin entscheide. Today – or tomorrow.

Lovebugs ‎– Life Is Today

(Phonag Records) ist am 20. April 2012 erschienen.

Lovebugs – Life Is Today (Cover)
Lovebugs – Life Is Today (Cover)

Lovebugs

03/09/2019
Lovebugs © 2017
Lovebugs © 2017

Beiträge
5 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2017
5 000 CHF | RegioSoundCredit Musikvideo | 2012

Pop / Rock

Handsome Hank – Sings About Devils And Angels

Wer im Radio den neuen Song «Angel» hört (was dieser Tage vorkommen kann), freut sich als Mensch mit Geschmack über ein Lied von firlefanzfreier Schönheit. Munter ruckelt der Rhythmus voran, eine Mandoline pluckert, ein Klavier klimpert und zwischendurch seufzt sacht die Pedal Steel. Darüber phrasiert der Sänger mit geschmeidigem Drawl und klarer Stimme.

So weit, so schön und nicht weiter aufregend. Wenn man erfährt, dass hier Handsome Hank singt und weiss, wer das ist, staunt man dann doch. Denn dieser Mann stand bislang für Hillbilly- und Bluegrass-Versionen bekannter Rocksongs, die er in seiner abenteuerlich zusammengeschnurrten Biographie als seine eigenen ausgab. Damit ist auf «Handsome Hank Sings About Devils And Angels» Schluss. Hank spielt nun allen Ernstes Eigenkompositionen im Countrypop-Idiom.

Er habe ein wenig genug gehabt von den Covers, erklärt Sämi Schneider, die bürgerliche Inkarnation von Handsome Hank: «Als wir 2003 mit den Countryversionen anfingen, waren wir damit allein auf weiter Flur. Heute macht das Kreti und Pleti.» Und darum sei es nun an der Zeit, mit eigenen Songs zu zeigen, wo man wirklich steht. Diese Standortbestimmung erfolgt ohne die angestammte Begleitband The Lonesome Boys. Nach zehn Jahren Bandehe sei es an der Zeit gewesen, eigene Wege zu gehen, sagt Sämi Schneider.

Damit es ohne die vertrauten Begleiter nicht gar zu einsam wird, hat Hank eine Reihe Gäste ins Studio geladen. In einigen Stücken singt Heidi Happy mit und stört ihrer Art gemäss nicht weiter. Nadja Leonti veredelt das tippelnde «Girl With The Golden Heart» mit ein bisschen bitterer Süsse und Erika Stucky suhlt sich genüsslich im alten Schmachtfetzen «Release Me» (ein, zwei Covers müssen dann doch sein).

Namedropping hebt die Textqualität nicht, doch weil die Gäste einen schönen Teil zum Unterhaltungswert dieses Albums beitragen, machen wir noch ein bisschen weiter: In der lebenssatten Honky-Tonk-Nummer «Dead Cigarettes» tritt Endo Anaconda ungewohnt in Englisch und gewohnt einzigartig zum Cowboy-Duett an. Emanuela Hutter von The Hillbilly Moon Explosion verleiht dem flotten Banjo-Stomper «Good Ole Days» eine Extraportion Schmiss.

Nützen würde all das Schaulaufen freilich wenig, wären Handsome Hanks Songs nicht durchs Band geschmackssicher komponiert und geschickt arrangiert. Eine Handvoll kompetente Musiker, darunter Stan T. Pede – doch noch ein Lonesome Boy – am Kontrabass und Paul Niehaus (Calexico, Lambchop) an der Pedal Steel, kleiden jedes Stück ins passende Kleid. Aufgenommen wurde das Album in den Zürcher Hitmill Studios, wo sonst Hitparadenfutter wie Bligg und Werbespots für Ikea aufgenommen werden. Die Höhle des Blöden für die Indiepolizei ...

Sämi Schneider hat aber eine einfache Erklärung für die Wahl des Studios: «Es liegt nur einen Steinwurf von meiner Wohnung entfernt und so konnte ich direkt zu den Aufnahmen gehen, nachdem ich meinen Sohn in der Krippe abgegeben hatte.» Ausserdem sei er schon immer ein Fan des Hitmill-Mitbetreibers Fred Herrmann gewesen, der nun auf dem Album als Produzent und Schlagzeuger mitmischt.

Das gepflegte Klangbild aus den Hitmill Studios passt perfekt zu den Songs. Zusammen mit dem Cover im Stil einer Kris-Kristofferson-Platte aus den 70ern rundet der saubere Sound den guten Gesamteindruck von «Handsome Hank Sings About Devils And Angels» ab.

Diesmal tritt Handsome Hank nicht als glatte Cheib mit lustigen und listigen Covers auf. Sondern als unerschrockener Countrybarde mit einnehmenden bis überwältigenden Liedern ohne doppelten Boden. (Und am Schluss des geschmackssicheren Albums gibt's dann noch die besinnliche A-Man-And-His-Guitar-Covernummer von .... KISS.)

Handsome Hank – Sings About Devils And Angels

(Eigenverlag) ist am 9. März 2012 erschienen.

Handsome Hank – Sings About Devils And Angels (Cover)
Handsome Hank – Sings About Devils And Angels (Cover)

Handsome Hank

21/05/2019
Handsome Hank & His Lonesome Boys © 2009
Handsome Hank & His Lonesome Boys © 2009

Beiträge
6 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2009
19 000 CHF | BB goes CH | 2003

Arf – Arf And The Black Brainbow Machine

2010 erhielten Arf von der RFV-Jury des RegioSoundCredit einen Beitrag an eine EP. Daraus wurde nach einigen Querschlägen und mit einer langen Verzögerung nun eine veritable Full-CD. Mitte 2011, die Band befand sich gerade in der Produktion der EP, wurde sie vom Bassisten verlassen. Ohne ihn hätte die Band nach dem Release ihres Tonträgers allerdings keine Livekonzerte geben können, ein Muss nach einer Veröffentlichung. Also hiess es abwarten bis ein neuer Mitmusiker gefunden war.

Dieses Ereigniss trat dann einige Wochen später ein. Dann verschmähten erst Mal die CD-Vertriebe die Produktion des Trios. Nicht aus Qualitätsgründen, sondern auf Grund zu weniger Titel (EP), wie sie meinten. Zum eigenen Wohl entschloss man sich darum, in Richtung Full-CD zu steuern, was den Zeitplan noch einmal kräftig stresste. Mit fast einem Jahr Verspätung auf den Arf-Zeitplan ist sie nun da, die mit RFV-Logo versehene Scheibe Arf And The Black Brainbow Machine.

Erster Eindruck: Es sind die Arf die wir kennen und doch, irgenwas ist grundlegend anders. Perfekt vorgetragene akrobatische Instrumentalparts waren schon immer Programm bei dem Trio mit skurilen Song- und Covertexten. Daran hat sich nichts geändert. Nur hat sich auf der aktuellen Produktion eine Art Popfaktor eingeschlichen, der die rotzigen Songs nicht nur eingefleischten Fans der Band näher birngen wird. Trotzdem ist da Arf-typisch zu Beginn des Albums gleich die Absage an das pflegeleichte Radioformat. Es klingt als würden Zeppelin Greenday aufmischen und Brain Eno mit Zappa am Mischpult sitzen.

Mit viereinhalb Minuten ist «Black Milk» viel zu lang für Mainstreamsender und mit einem Vers auf neun Achtel eine Überforderung für die meisten Musikredaktoren. Eigenwillig stampft der Startsong auf The Black Brainbow Machine aus den Boxen. Voller Energie und Spielfreude rotzt die unglaublich präzise Gitarre ungeniert über die fetten Riffs des Rhythmusteams und verliert sich kurz in einem virtuosen Solo. Keine Spur von Anbiederung.

Arf © 2011
Arf © 2011

Gesungen wird gut und gerne in Arfs Musikkosmos. Mehrstimmig, genau und mit der gleichen Intensität wie es das Handwerk an den Instrumenten vorgibt. Selbstverständlich und warm, vollkommen stressfrei, als wäre zur Begleitung leidiglich eine akkustische Gitarre vorhanden. Die Vocals werden da und dort klug als rhythmisches Stilelement eingesetzt, zu hören etwa im Titel «Brainbows».

Spielten die Gesangskünste auf alten Arf-Produktionen noch eher eine Nebenrolle, sind sie auf The Black Brainbow Machine richtig präsent und zentral in Szene gesetzt. Spätestens hier ist Tonmeister und Produzent Darren Hayne mehr als ein Kränzchen zu winden. Der erfahrene Mann aus Down Under mit Wohnsitz in Basel, hat schon mehrfach bewiesen, dass man für die Realisation von guten Produktionen nicht ins Ausland pilgern muss. Er hat sicher einen nicht unwesentlichen Teil dazu beigetragen, dass sich die regionale Szene über ein einzigartiges, professionell eingespieltes und produziertes Album freuen kann.

Arf werden mit The Black Brainbow Machine Türen öffnen, zu Promotern in der Schweiz und anderswo. Spannende Konzerte sind garantiert und sicher auch ein begeistertes Publikum.

Arf – Arf And The Black Brainbow Machine

(Eigenverlag / Irascible) ist am 16. März 2012 erschienen mit einem Beitrag des RegioSoundCredit.

ARF – Arf And The Black Brainbow Machine (Cover)
ARF – Arf And The Black Brainbow Machine (Cover)

ARF

15/10/2019
ARF © 2013
ARF © 2013

Beiträge
3 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2010
3 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2006

Famara – The Cosmopolitan

Nach durchaus gelungenen Ausflügen in Popgefilde auf den letzten Produktionen, kehrt Famara, der Basellandschäftler mit afrikanischem Herzen auf The Cosmopolitan zu Afro-Beats und Reggae-Wurzeln zurück. Klassische Grooves und bekannte Stilmittel zwischen Dub und World prägen Famaras neustes Werk. Es fehlen weder die typischen Gitarrenlicks wie man sie etwa von Reggaegrössen wie Youssou N'Dour kennt noch die treibenden Beats karibischen Ursprungs.

Auf zwölf sonnigen Songs wirkt ein grosses und ausgezeichnetes Aufgebot an Mitmusikerinnen und –musikern mit. Vom Bläsersatz bis zu mehrstimmigen Backing-Vocals sorgt die Instrumentierung auf Famaras siebtem Album für typischen World-Reggae-Sound.

Für die Aufnahmen reiste der bereits seit fünfzehn Jahren aktive Sänger nicht etwas nach Gambia, wo er im Verlauf seiner Karriere bereits grosse Erfolge feiern durfte, sondern nach Ostermundigen bei Bern. Dort entstand das authentische Werk unter den Fittichen von Matthias Urech. Immerhin im mit passendem Namen versehenen Groove Factory Studio. Urech, sonst erfolgreich mit seiner Formation Fusion Square Garden, hat ein gepflegtes Album produziert. The Cosmopolitan weist weder Ecken noch Kanten auf. Vielleicht gerade deshalb ist die Produktion wirklich kosmopolitisch. Es gibt nichts daran auszusetzen, es sei denn man ist ein ewiger Nörgler.

The Cosmopolitan ist einfach eine CD für Jedermann und jede Frau. Wer daran Anstoss nimmt, könnte allenfalls mal die Gelegenheit nutzen seinem Kopf etwas Ruhe zu gönnen. Denn die Musik ist gut tanzbar und das Tanzen gilt ja nach wie vor als zweit beliebteste Tätigkeit der Reggae-Fans. Famara erfüllt dahingehend sämtliche Erwartungen und das dürfte auch so sein wenn der Altmeister diesen Sommer mit neuem Programm über die Club- und Open-Air-Bühnen zieht.

Famara: «Mondomix»

Famara – The Cosmopolitan

(N-Gage Productions) ist am 9. März 2012 erschienen

Famara – The Cosmopolitan (Cover)
Famara – The Cosmopolitan (Cover)

Famara

15/10/2019
Famara © 2014
Famara © 2014

Beiträge
5 000 CHF | RegioSoundCredit Tournee | 2009

Wilde – Stand And Stare

Wenn der schillernde Popmaniac Wilde in Schale zur Taufe seiner neuen CD Stand And Stare auf die Bühne steigt, ist er hundert Prozent Musiker und Entertainer. Dann hängen seine sonst unvermeidliche Lederjacke und seine bewegte Geschichte als ehemaliger DRS3-Musikredaktor, Programmverantwortlicher der (damals so benannten) Musikkaserne Basel und heutiger Leiter der Online Plattform Fontastix im Dämmerlicht der Garderobe.

Während zweier Stunden konnte am 9. Februar 2012 eine gut gefüllte Kuppel Basel die gelungene Live-Premiere von Stand And Stare miterleben. Es war ein Stelldichein der gestandenen Musikszene Basels und eines bunt durchmischten Publikums. Ganz gemäss Wildes Bedeutung als Integrationsfigur der Szene, die seinem Ansehen als versierter Künstler in nichts nachsteht. Wilde outete sich an diesem Abend als souveräner Showman, und in den Songs seines neusten Werks als grosser Liebhaber des klassischen und differenzierten Poparrangements.

Wilde © 2007
Wilde © 2007

Popmaniac seit 30 Jahren

Für Kennerinnen und Kenner des Multitaskers kein Wunder, erkundete der Musiker die Popmusik doch über Jahrzehnte als Insider aus verschiedensten Jobperspektiven. Von 1985 bis 2003 beschäftigte sich Wilde als Musikredaktor eingehend mit Plattenproduktionen der nationalen und internationalen Musikszene und leitete das Live-Gefäss «Uf der Gass» bei Radio DRS 3. Schliesslich engagierte er sich als Leiter der Musikkaserne Basel im Live-Bereich und übernahm danach die Geschäftsführung des Vertriebs und CD-Shops Fontastix, einer Onlineplattfrom für unabhängige Schweizer Musik. Daneben zog Wilde als Interpret von Beat- und Soulsongs und Handwerker des Pop mit seiner ehemaligen Coverband Hi-Tones fleissig durch die Schweizer Clubs.

Die musikalische Arbeit mündete während dieser Zeit vermehrt in Eigenkompositionen und wurde schliesslich 2006 unter dem Namen Wilde, auf dem Debutalbum A Drug For Every Pain festgehalten (realisiert in den Baselcitystudios,unter Mitwirkung des Produzenten Fred Herrmann, bekannt durch seine Arbeit für Bligg in den HitMill-Studios). Mit dabei waren damals unter anderem auch die Musiker Markus Fürst, der nun für Stiller Has die Trommelstöcke schwingt und Bassist Remo Leupin. Letzterer bildet heute zusammen mit dem Basler Gitarristen Andreas Hidber und Wilde selbst den Kern der Band. Diese wird für Studioaufnahmen oder Livekonzerte beliebig erweitert. So holte man für die Produktion von Stand And Stare befreundete Musikerinnen und Musiker ins Studio; wie etwa die Vokalistin Cristina Weber, Keyboarder Christian Freiburghaus und die Drummer Remy Sträubli und Marc Krebs.

Hitproduzent an den Mixknöpfen
Vorproduziert und experimentiert wurde über längere Zeiträume im hauseigenen Aufnahmeraum Boiler Room. Für den Mix holte man sich dann die Unterstützung eines wahren Cracks der britischen Musikszene, Hugh Padgham. Padgham produzierte in den 80er Jahren Songs wie «Every Breath You Take» von Police oder «In The Air Tonight» von Phil Collins. Er war genau der Richtige um den Überblick über die sensiblen und vielschichtigen Arrangements der neuen Songs zu behalten und die Fülle der musikalischen Ideen in die optimale Relation zu bringen.

Die Aufnahmen offenbaren Wildes grosses Potenzial als Songwriter - wie auch das seiner Kollegen. Mit viel Akribie und Liebe zum Detail wurde an der Instrumentierung und an den Vocals gearbeitet. So etwa am beatleesken «Love Is The Answer (Sex Is The Cure)», dessen Backgroundvoacls an die grossen Zeiten der Fab Four erinnern. Oder an dem in 70er Manier produzierten «The Fire In Your Heart», das von klassischen Streichern, Discodrums, über fette Gitarrenriffs mit Van Halen Solo, bis hin zum Abba-Chorus, eine ganze Ära musikalisch zusammenfasst.

Sei es die Flangergitarre, die röhrende Hammond-Orgel, die leicht krächzende Dobrogitarre oder gar die zartbesaitete Klassikgitarre, welche im südamerikanisch anmutenden «Something In Your Mind» einen Auftritt hat, die Klangfülle dient konsequent den originellen Kompositionen des Trios Wilde. Es provoziert Erinnerungen an die letzten 45 Jahre Popmusik, lehnt sich an bewährte Muster und ist doch so eigen, dass man unsicher ist ob die Songs wohl mehrheitstauglich sind. Denn gerade das wünscht man Stand And Stare am meisten. Nicht nur das grossartige und dramatische Farewell der CD «Even If It All Came True» soll dazu animieren auf die Repeat-Taste zu drücken, wieder und wieder.

Wilde – Stand And Stare

(Auto-Lift Records) ist am 9. Februar 2012 erschienen.

Wilde – Stand And Stare (Cover)
Wilde – Stand And Stare (Cover)

Wilde

22/05/2019

L-Montana – Goldigi Träne

Die Überraschung des Jahres: L-Montana, Agro-4133-Pratteln-Chef-Rapper mit zweifelhaftem Badboy-Image, geht mit seiner neuen Single «Goldigi Träne» neue Wege zum Ruhm. Auf seinem letzten Release «Bald e Star» (2011) setzte sich L-Montana noch mit dicken Autos und heissen Damen ins Szene und knackte auf YouTube damit schnell die halbe Million Views. Der oberflächliche Gangsta-Style kam an. Doch auf «Goldigi Träne» (Release 12.02.2012, Dramatic Soul), dem Vorboten auf das Album «Badboy», zeigt sich ein nachdenklicher, gereifter, aber nicht weniger wütender Rapper aus 4133. Das Video überzeugt: weniger «fick dich», mehr «check dich».

Reise in den Kosovo
Interessant war schon L-Montanas Video über seine Reise und das Konzert in der Heimatstadt Kamenicë im Kosovo (siehe unten) im Frühling 2011. Die Situation dort hat herzlich wenig mit blankpolierten Luxus-Sportwagen und Bling-Bling-Posing zu tun; dazu reicht ein kurzer Blick zurück in den blutigen Unabhängigkeitskampf, das Grauen des Balkankriegs und die immer noch extrem schwierige wirtschaftliche und soziale Lage in der ehemaligen jugoslawischen Provinz (oder auch in Albanien).

Umso erstaunlicher, wie L-Montana und seine Crew im Pratteln-Slang das Publikum im Kosovo rocken – und offensichtlich ziemlich viel dabei gelernt haben. Interessant auch, dass Kamenicë gerade mal 25 Kilometer Luftlinie von Gnjilane entfernt liegt, dem Geburtsort des anderen jungen wilden Kosovaren, den es nun nach München zieht.

L-Montana
L-Montana

Goodboy Shaqiri – Badboy L-Montana?

«Der Badboy dreht den Zeiger der Uhr zurück und erklärt uns auf dem Song, welche Bahn er heute wählen würde» schreibt Leonard a.k.a. L-Montana im Pressetext. – Zeit also, die Geschichte von L-Montana, dem Migrantenjungen aus dem Kosovo, neu zu erzählen. Und gut, dass der Rapper gleich selber den Anfang macht. Denn es ist ja nicht alles mies und verloren in 4133 Pratteln oder im Kosovo.

Vielleicht wird L-Montana nicht so schnell wie sein gleichaltriger Landsmann Xherdan Shaqiri den Respekt oder gar die Bewunderung der Gesellschaft erfahren. Eine Schnittmenge haben der Fussballer und der Rapper in ihrer Zielgruppe aber auf jeden Fall: junge, ehrgeizige, talentierte oder explosive Kerle und Girls in der Aglo des Schweizer Mittellandes, die nicht selten mit der Ablehnung durch die Schweizer Gesellschaft zu kämpfen haben – und dazu nicht selten leider auch gute Gründe liefern. Und: die mit den kulturellen Unterschieden zwischen den eigenen Wurzeln und derjenigen ihrer Eltern einerseits und des auf Leistung, Gehorsam und totale Anpassung getunten Schweizer Alltags irgendwie klar kommen müssen. Aber wie? – Als Saubermann wäre der Rapper unglaubwürdig (im Gegensatz zum Fussballer), als Scarface-Imitator wäre er lächerlich, als Kämpfer aber ist er authentisch, glaubwürdig.

Immerhin gibt er sich im Video zu «Goldigi Träne» genauso als Mahner und Vorbild für die Kids wie Shaqiri. Bleib sauber, erarbeite dir den Respekt und brich deiner Mutter nicht das Herz, Junge! – Die Botschaft kommt an. Nicht nur in der Kosovo & Albaner-Gemeinde, sondern in der Popkultur. Denn L-Montana reflektiert und handelt – und ein wenig gibt er auch an, klar, muss er. Das macht Xherdan ja auch. Langweiler gibts schon genug.

Auf das bald erscheinende Album «Badboy» (Release 25.02.2012, Dramatic Soul) darf man gespannt sein – auch auf seinen, gerüchtehalber kursierenden, Auftritt an der BScene 2012 in der Kaserne Basel.

Youtube Video
L-Montana: «Goldigi Träne» (Musikvideo)

L-Montana – Goldigi Träne

(Dramatic Soul Records) ist am 9. Februar 2012 erschienen, Musikvideo am 12. Februar via ThinkCreativeFilms.

L-Montana – Goldigi Träne (Cover)
L-Montana – Goldigi Träne (Cover)

L-Montana

03/09/2019

The Bianca Story – Coming Home

The Bianca Story, next chapter: Die Band hats mit dem Januar. Vor einem Jahr, am 7. Januar 2011 taufte sie ihre Single «Coming Home» in der Kaserne Basel. Schon am 25. Januar 2008 war ihr Albumdebut Hi Society erschienen und nun also Freitag, der 13. Januar 2012: Das lang erwartete zweite Album Coming Home steht frisch ab Presse im Regal; passend zur Tourenskisaison ausgestattet mit imposantem Alpenpanorama und Berghüttenfeeling in auf alt getrimmten Farbtönen (in Deutschland erscheint die CD am 27. Januar 2012).

Die Erfolgsgeschichte von The Bianca Story – und es ist eine – hängt eng mit dem Pop-Networker Marc Allenspach und seinem Ein-Mann-Imperium Inside Agency zusammen. Allenspach nahm The Bianca Story unter seine Fittiche und vermittelte die Band schon 2007 für Hi Society an das Hamburger Plattenlabel Rodeostar Records.

Allenspach, RFV-BusinessSuppport-Preisträger 2009, pushte The Bianca Story atemlos durch sämtliche europäischen Popkanäle, bevor sich die Band später für ein neues Management entschied. London calling: Der neue Mann am Management Desk war der Engländer Nigel Day, der schon die Zuger Girlrockband Delilahs unter Vertrag gehabt hatte und das Debut dieser hoffnungsvollen Band aus ungeklärten Gründen nie veröffentlichte. Doch Nigel Day ist Geschichte: Er schied aus dem Leben, als seine neuen Schützlinge, The Bianca Story, gerade in den ehrwürdigen Abbey Road Studios in London an den Aufnahmen sassen (geblieben sind von dieser jäh beendeten Zusammenarbeit Nigel Days Lyric zum Song «High & Low» auf dem neuen Album).

Berlin Power
Wieder kam nun der umtriebige lange Mann aus Liestal, Marc Allenspach, in Spiel, der im Mai 2011 die Basler Band endlich nach Berlin vermitteln konnte: an Tim Renners Talent-Pop-Fabrik Motor Entertainment/Motor Music. Dieser (eigentlich selbstlose) Coup des ehemaligen Managers ermöglichte es der Band, in Deutschland da in die Poparena einzusteigen, wo die grossen Scheinwerfer schon vorgeglüht sind und wo man selbst mit 100 Gigabyte Manpower als Do-It-Yourself-Band niemals hinkommt.

Der ursprünglich von Allenspach angeplante Releasetermin für das zweite Bianca-Story-Album («nach den Sommerferien 2010») wurde dann vom Berliner Abschussrampenchef und neuen Manager Tim Renner erneut verschoben, auf den 13. bzw. 27. Januar 2012. Dazwischen gewann die Band den Basler Pop-Preis und übte sich nochmals im Theatergeschäft. – Und hier sind wir wieder, Licht aus, Spot an: hallo Gegenwart!

Spätestens mit dem Videoclip zu «Coming Home» Ende 2010 rückte die Band Sänger Elia Rediger ins Zentrum der visuellen Aufmerksamkeit (im Videoclip von Gregor Brändli lässt sich Rediger auf dem Backseat einer Limousine durch die Landschaft chauffieren; später kommen dann Anna Waibel, Fabian Chiquet und Joël Fonsgrive sowie Lorenz Hunziker ins Bild). Nun blickt uns Elia Rediger auch vom Albumcover an wie ein paranoider Hüttenwart, der sich gerade überlegt, ob er nochmals die Wetterinstrumente draussen im Schneesturm überprüfen oder doch lieber das im Sturm verirrte und nun sicher ins SAC-Aufwärmzimmer nebenan gerettete deutsche Touristenpaar aufschlitzen soll. Der Berg ruft!

Etwas gruselig, in der Tat. Die Vintage-Swissness des Artworks ist sicher keine schlechte Idee, sich in einer Popwelt zu positionieren, in der Positionen mittlerweile komplett austauschbar und fast belanglos geworden sind. Good-bye Postmoderne, hallo Post-Postmoderne! Die Marketingexperten würden natürlich einwerfen, dass die Frau allein aufs Cover gehört hätte, Bianca=Frau!, und nicht der bärtige Hüttenwart. Doch wie gesagt: Das Erwartete und Marktkonforme zu tun ist in etwa so langweilig, wie sich über einen Gottschalk-Nachfolger für «Wetten dass ...?» zu unterhalten. In diesem Sinne: Marketingstrategie go home! Schliesslich sind The Bianca Story selber genug geübt in ihrer Selbstvermarktung als Band und in den Rezeptionsmechanismen der zeitgenössischen Kunst.

Tanzende Menschen sind nie im Unrecht
Das Album geht mit dem Song «Afraid Of The World» los, dem Song, den unser aller Politrapper Greis schon auf (s)einem Wahlsampler V2011 platziert hatte und der auch gut in den nächsten James Bond passen würde (falls der nicht schon komplett von Chnesen gespielt wird). Es folgt die 2010er Single «Coming Home» und mit «Lazy Boy» ein Song mit einem schönen The-Kinks-Feeling (musikhistorische Nebenbemerkung: von den Kinks kann man auch heute noch ALLE Songs IMMER anhören).

«Dancing People Are Never Wrong» ist dann fast Anna Waibel pur, gute Disco-Hymne, wenn auch nicht ganz nach vorne gebratzt und gebrettert, wie es state of the art 2012 wäre. Überhaupt teilen sich Anna Waibel und Elia Rediger den Gesang mehrheitlich fair auf, was den Songs eine erzählerische, dialoghafte Note gibt (z.B. «Bird Rocket»). Und so geht es weiter auf dem Album: jede Menge cleverer Hooklines; eine getragene, relaxte, zwischen Melancholie und Schöngeist-Disco pendelnde Stimmung; Songs, die zwar immer gut klingen, aber nicht immer gleich gut zwischen Ohr, Hirn, Herz und Tanzbein hängenbleiben. Die Musik, der instrumentale Fluss kann (oder darf) sich nur selten entfalten; der Klangraum bleibt eng und die Vocals dominieren als Melodiemacher, als Strophe, Bridge, Refrain, Solo.

Coming Home ist ein rundes Popalbum für Fortgeschrittene – mit dem Anspruch zu gefallen, auch dem Mainstream. Die grosse Musik aber, die der Opener «Afraid Of The World» ankündigt, kann das Album nicht ganz einlösen, dafür hätte der unterkühlte Soul doch etwas mehr Groove im Tank und mehr Drama in der Berghütte benötigt.

Live hingegen werden The Bianca Story das Publikum mitreissen, wie seit jeher. Neues Jahr, neues Glück: The Bianca Story continues. Good luck!

Youtube Video
The Bianca Story: «Afraid Of The World»

The Bianca Story – Coming Home

(Motor Music) ist am 13. Januar 2012 erschienen mit einem Beitrag des RegioSoundCredit des RFV Basel.

The Bianca Story – Coming Home (Cover)
The Bianca Story – Coming Home (Cover)

The Bianca Story

07/08/2019
The Bianca Story © 2013 Gregor Brändli
The Bianca Story © 2013 Gregor Brändli

Beiträge
7 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2013
3 000 CHF | RegioSoundCredit Musikvideo | 2012
15 000 CHF | Basler Pop-Preis (Jurypreis) | 2010
4 000 CHF | RegioSoundCredit (Produktion Medardus & The Elixirs) | 2010
3 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2009
5 000 CHF | RegioSoundCredit Tournee | 2008
5 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2007