Bitch Queens – Kill Your Friends

Kill Your Friends ist ein bitterböses, verhurtes, drogenverseuchtes, sexistisches, blutiges, abgefucktes Stück Scheisse von einem Buch. Kommt aus England und handelt von den Machenschaften der britischen Major-Musikindustrie in den goldenen 90-ern. Geschrieben hat es vor einigen Jahren John Niven, der das Geschäft von der Pike auf kennt. A&R Manager war er, bei grossen englischen Plattenfirmen, you know what I mean ... Major-Grössenwahn. Eigentlich fair, geht es der Major-Plattenindustrie heute nicht mehr gut.

Wer das Buch gelesen hat, will nie mehr im Leben etwas mit dem dekadenten Musikbusiness zu tun haben. Ein wirklich umwerfend gutes, wahres und kluges Buch. Das «American Psycho» des britischen Music Empires, sozusagen.

28/10/14  Doktor Fisch

Vier Männer, die sich Bitch nennen

Kill Your Friends heisst auch die neue Platte der bestangezogenen (falls sie denn mal komplett angezogen sind) Basler Rockband, den Bitch Queens. Kutten haben die vier aber schon an; das sind Jeansjacken mit aufgenähten Gruppenzugehörigkeitsghinweisen. Die Bitch Queens sind aber nicht die Hells Angels oder Broncos, sondern eben die Bitch Queens: Vier Männer, die sich Bitch nennen. So steht es geschrieben. Aber Nähen und Aufbügeln finden sie nicht so doll, deshalb wird der Bandname auf die Kutte g-e-n-i-e-t-e-t.

Das hat Stil. Und das hält auch länger und wird bei Regen nicht nass. Gute alte Handwerkskunst eben in Zeiten, in denen selbst billigste Ramones-Shirts bei H&M verkauft werden, an zugespach- telte, augenbrauengerupfte Gören, die sich den ganzen Tag mit dem schoggigrossen Smartphone vor der Nase und den Stöpsel in den Ohren durch den öffentlichen Raum boren. Und natürlich Ramones hören ...
Bevor es mit geschwellter Brust zur Musikabteilung rübergeht, noch ein letzter Einschub: Kill Your Friends ist die verbal etwas radikalere Variante von Hate Your Friends, dem ersten, formidabel krachigen Album der Lemonheads. Musikalisch immerhin nähern wir uns den Bitch Queeens also an.
Willkommen in der wunderbar trashig-punkig-glitzernden-pumpenden-bauchnabelfreien Welt der Bitch Queens, die mittlerweile in Deutschland, Österreich, Italien, Tschechien, Spanien, Frankreich und in der Schweiz existiert. Also überall dort, wo die Band schon aufgetreten ist.

Das neue Album legt gleich los mit dem Titeltrack «Kill Your Friends» und da löst sich auch gleich das Rätsel des Aufrufs zum Kumpelmord. «Did you believe what the people say / would you kill your friends / if they tell you to?» Natürlich nicht! Ein Song über die Angst vor Selbst- bestimmung. Und andere Ängste. Ein Song für Selbstbestimmung also. Fast ein wenig Bad-Religion-pädagogisch, aber schön eingebettet in eine brutzelnd dicke Produktion, mehrstimmige Refrains, versöhnlich-knackige Gitarrenarbeit und kosakenhaftes «Hey! Hey!»-Gerufe legen die vier Nuttenköniginnen auf ihrem zweiten Album nach Female Shotgun los. Dann: «Gimme A Kiss» kennen wir bereits vom Musikvideo (s.u.), das ja vom Staatlichen Fernsehsender, Abteilung Jugendkultur und Nachtleben, nicht gezeigt werden wollte (zu viel nackte Haut, das wars glaube ich. Oder doch die WC-Szene? Oder Harrys nackter Arsch? Na egal).

Die Party gehört uns!

Sexuell offensiv und pöbelig-provokativ haben die Bitch Queens schon immer agiert, da lassen Turbonegro grüssen oder andere skandinavische Schweinerocker. Das macht ja auch Spass und wird dringend benötigt in einer von Normcore, Neuer Biederkeit, Sauberkeit und Gesundheits-Terror gefluteten West-Welt, während im Osten die Barbaren wüten (mit Waffen aus dem Westen) und dort eben doch ihre Freunde töten – oder mindestens Glaubensbrüder. Doch zurück nach Basel: Unsere geilen Party lassen wir uns nicht wegnehmen! – so könnte der Schlachtruf der Bitch Queens zusammengefasst werden. Und auch: Unser Gehirn lassen wir uns nicht zuscheissen.

Oder auch: «Lick It (Like You Like it)», leck mich, am Arsch oder auch anderswo, wenn du willst! Oder eben: «Waste Me», zerstöre mich, gebrauche mich, oben, unten, egal! Hauptsache Wasten! Ein Song, der die schöne Brücke schlägt zwischen Rock’n’Roll-Dancefloor und der Hölle: «No sceptics, only dancers / they got a special place in hell / for people like me and you».

Fast am Schluss des atemlosen neuen Albums gibt es noch «Bullseye Baby», ein Song, der in 1:48 Minuten alles richtig macht: 77 Punkrock, simple Lyrics, eingängiger Refrain gleich zu Beginn, 10 mal wiedermalen, Buzzcocks-meets-Ramones-Feeling – und die Welt ist wieder geradegerockt.
 
Vieles auf Kill Your Friends korrespondiert zwar nicht ganz mit dem Cover des Albums, auf dem ein melancholisch in die Kamera blickender Junge (sein Name bleibe geheim – wer aber in englisch an die Form mancher Fussballerbeine in den 70-ern denke, kommt auf den Vierbuchstabennamen) auf einem Chopper-Motorrad sitzt. Egal.

Die Faust weit oben für Punk, Bauch und Freiheit

Die Bitch Queens erfinden nichts neu auf dieser Platte, schärfen aber ihr Image und ihren Sound (Recording, Produktion, Mix & Mastering: V.O. Pulver im Little Creek Studio Gelterkinden) immer mehr zum Gesamt-Trash-Kunstwerk mit totalem Wiedererkennungswert. So viele Rockbands gibt’s ja gar nicht mehr in der Region Basel und sonstwo. Scheint ein wenig aus der Mode gekommen zu sein. Aber in der Nische ist gut saufen.
 
Doch nicht nur: Zwischen Ernst und Parodie, zwischen harter Arbeit und Turbojugendlichkeit ist dies doch eine Band mit grossen Ansprüchen an sich selbst – und grossen Sprüchen. Mögen Indie-Bands sich mittlerweile wie postmoderne Kongresszentren gewordene Architektur à la mode de Herzog-DeMeuron aneinanderreihen – die Gentlemen von Bitch Queens starten achselzuckend die Motoren und qualmen die aalglatten Oberflächen der schönen neuen Kongresszentrenwelt zu, taggen mit Lippenstift ihr Motto auf die herzlose Oberfläche: Fuck it! Please. – Und drüber gibt’s dann noch eine Schicht bandeigenen Urin gegen die Verwitterung.
Bitch Queens, Kill Your Friends: kein stumpfer Typen-Rock also, kein grüne-Frisuren-Punk, sondern die Faust weit oben für Sex, Bauch, Party, Farbe, Glitter, Punkrock, Dreck, Freiheit, den Moment und ... ja: Freundschaft. Bring your friends.

Bitch Queens – Kill Your Friends (Cover)
Bitch Queens – Kill Your Friends (Cover)

Bitch Queens – Kill Your Friends

(Lux.-Noise Records/Non Stop Music) ist am 31. Oktober 2014 als CD, LP und digital mit einem Beitrag des RegioSoundCredits erschienen. Das Album erscheint auch in den USA via Strange Magic Records.
 
Bitch Queens sind: Mel Quitt (voc, git), Harry Darling (dr, voc), Danny Schönenberger (git) und Marcel Colomb (bs, voc).

Youtube Video
Bitch Queens: «Lick It Like You Like It»
Youtube Video
Bitch Queens: «Gimme A Kiss»

Bitch Queens

22/10/2019
Bitch Queens 2019 © Flavia Schaub
Bitch Queens 2019 © Flavia Schaub

Beiträge
2 000 CHF | RegioSoundCredit Musikvideo | 2019
2 000 CHF | RegioSoundCredit Tournee | 2018
6 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger, Musikvideo | 2016
3 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2013
3 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2011
3 000 CHF | RegioSoundCredit Musikvideo | 2010
5 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2009