Lena Fennell – Seeker: Blüte in dunkler Pracht

Fünf Songs sind es nur, die Lena Fennell auf Seeker versammelt. Doch mehr Schönheit und Kraft als dieses Kleinod werden dieses Jahr die wenigsten Longplayer entfalten.

28/03/15  Reto Aschwanden

Was tun mit einer Handvoll Songs? Zu viele für eine Single, nicht genug für einen Album. Bleibt die EP, ein Zwischending, das gemeinhin nicht als Format für die grossen Streiche gilt, von Fans aber trotzdem geschätzt wird, weil so eine kurze Songsammlung, insbesondere als Vinyl-10-Inch, etwas Spezielles sein kann.

Seeker gibt es anscheinend nicht auf Vinyl, aber auch digital bildet die EP den idealen Rahmen für diese fünf Songs, von denen jeder für sich stehen kann, die vor allem aber zu einem grossartigen Ganzen ineinander greifen.

Mit «Melancholia» und «5 A.M.» bilden vergleichsweise gerade vorwärts gespielte Nummern die Klammern. Aber auch sie demonstrieren, wie eindringlich Lena Fennell singen, wie kongenial die Band aufspielen kann. Man hört Musikern zu, die ihre Songs beherrschen, präzise Laut/Leise-Wechsel setzen, Details herausstellen und Stimmungen verschwimmen lassen können, und dann doch selber von einem wuchtig wogenden Refrain wegtragen werden.

Lena Fennell © 2015
Lena Fennell © 2015

Bis die Gezeiten wechseln

Ein beherzter Auftakt und ein Rausschmeisser wie ein gut platzierter Tritt in den Hintern also, und doch sind es die drei Songs im Zentrum, die herausragen und Seeker zu einem Kleinod machen: «End Of The Year» beginnt countryesk schaukelnd und mit diesen seltsamen Schatten, die durch sämtliche Songs geistern. Dann legt das Stück an Volumen zu und beweist das grosse Verständnis der Band für songdienliches Zusammenspiel. Die Geduld, mit der das mächtige Gitarrensolo am Ende ausgespielt wird, bis die Gezeiten wechseln – das hat eine Klasse, die andere Bands erst nach vielen Jahren gemeinsamen Musizierens erreichen.

«This Is Seeker» klingt eher feinstofflich, setzt sich zum Ende hin aber mit einer Art Mantra im Ohr fest: «The more I heal the less is left for you to hold on to». Die Ansprache des Song-Gegenübers wirkt so intim, dass man sich fast ein bisschen schämt zuzuhören. Nicht nur hier erinnert die leise Intensität an die spukhaften Songs von Cold Specks oder den dunkel-hintergründigen Folk einer Jesse Sykes.

Dann ist da auch noch «Dual Life», ein Song, der Zeit und Raum enthoben scheint, aber gar nicht abgehoben klingt. Lena Fennell singt gelassen und doch wirkt jedes Wort wichtig. Und am Ende ist Platz für eine Coda, in der sich Sounds und Stimmungen bis zur Auflösung vermischen.

So und nicht anders

Lena Fennells Debütalbum Nauticus (2011) beschrieb die Musikzeitung Loop als «dunkelbunten Reigen unspektakulär schöner Lieder mit manch gelungener Wendung» und bezeichnete Fennell als «Talent beim Erblühen».

Seeker zeigt die Blüte nun in dunkler Pracht. Lena Fennell ist eine Handvoll selten schöner Lieder gelungen, in denen die grossen Songwriterinnen anklingen und die doch einen eigenen Ton setzen. Diese Musik kennt ihre Geschichte, aber keine Klischees. Möglich macht diesen Triumph auch die Bandleistung von Jan Krattiger (git), Luca Glausen (dr), Sarah Zaugg (bs), die mit viel Live-Drive einen kraftvollen und nuancierten Klang entfalten. Überhaupt klingt Seeker warm und unmittelbar, was wohl auch das Verdienst von Produzent Jolyon Thomas ist, der aus London eingeflogen worden ist, um im Regieraum der One Drop Studios in Basel zu wirken.

Seeker setzt kein Ausrufezeichen, dafür sind die Songs zu sublim, die Aufführung zu raffiniert. Seeker bildet aber gleichwohl einen Höhepunkt des noch jungen Musikjahrs. Fünf Songs, die zusammen gehören. So und nicht anders. Nicht mehr und nicht weniger. Nach gut 22 Minuten ist Schluss und der Hörer nickt still und dankbar. Es lebe die EP! Und bitte presst diese Lieder auf eine 10-Inch. Ich werde sie kaufen.

Lena Fennell – Seeker (Cover)
Lena Fennell – Seeker (Cover)

Lena Fennell – Seeker

(Irascible) ist am 27. März 2015 als CD und digital erschienen mit einem Beitrag des RegioSoundCredit des RFV Basel. Erhältlich auch über Bandcamp.

Lena Fennell

21/05/2019
Lena Fennell © 2015
Lena Fennell © 2015

Beiträge
4 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2014
4 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2011