Harvey Rushmore & The Octopus © Mehdi Benkler 2018
Harvey Rushmore & The Octopus © Mehdi Benkler 2018

Harvey Rushmore & The Octopus – Futureman: Wunderbar klingende Zeitmaschine

Ein Jahr nach ihrem Debütalbum The Night erzählen Harvey Rushmore & The Octopus auf ihrem neuen, aufregenden Album von einem mysteriösen Helden und Weltenerretter. Und von hysterischen Erdbewohner*innen, die von rotem Schleim bedroht werden und zum Himmel hoch rufen: Futureman, we’ve got a problem!

07/11/18  Doktor Fisch

Futureman, designierter Erretter unseres eiernden Planeten und heillos überforderter, vielgestaltiger Held des zweiten Albums von Harvey Rushmore & The Octopus, ist kein Typ, den wir an jeder beliebigen Strassenecke um halb neun bei leichtem Regen am Zigarettenautomaten antreffen. Schliesslich kreist Futureman in einem ausgedienten Fernsehsatelliten um die Erde, ist also praktisch selber schon fast Weltraumschrott geworden. Und mit Weltraumschrott lässt sich keine Revolution starten, schon gar nicht, wenn bei uns unten gleich drei heimtückische Armeen Schlange stehen, um die Menschheit zu zerstören: böse Bäume, roter Schleim und Spinnen in der Sonne.

Dabei, so erklärt Futureman-Erfinder und Sänger/Gitarrist Massimo Tondini, ist Futureman «eine Weiterentwicklung des Menschen und vereint seine guten Seiten mit übernatürlichen Kräften», inklusive Zeitreisen und mehr.

Doch, als wäre dies nicht der Unpässlichkeiten genug, kämpft Futureman mit 8 009 verschiedenen Arten von Liebeskummer, mit gebrochenem Herzen, mit seiner komplizierten Vielgeschlechtlichkeit und mit amourösen Beziehungen zu Tieren, Pflanzen und Insekten, die jede*n Botaniker*in in helle Aufregung versetzen würde. Vermutlich kämpft er auch mit Treibstoffknappheit in seinem fernen Satellitenzuhause.

Doch die Menschenkinder – wie gewohnt nur an ihrem eigenen Kram interessiert –, sie rufen ihm trotzdem verzweifelt zu: «Futureman, rette uns!» Wird er die Menschen erhören? Ja! Aber: Wie sieht sein Plan aus?

Harvey Rushmore & The Octopus – Futureman (Cover)
Harvey Rushmore & The Octopus – Futureman (Cover)

Purer Eskapismus oder heiliger Ernst?

Das ist eine, seien wir mal ganz ehrlich, ziemlich groteske und ungute Ausgangslage für die Errettung der Erde. Es ist eine Mischung aus Fantasy, Fabel, Science Fiction, Groschenroman, B-Movie und Haschischvisionen. Für einmal gehts also nicht um die Klimaerwärmung, sondern um eine heillos durcheinandergeratene Welt bzw. Erde.

Kryptophilosophisch gesprochen können wir die Futureman-Story als Metapher auf die verfahrene Situation unseres kümmerlich desorientierten Erdendaseins verstehen, als Abgesang auf den blinden Materialismus der Konsumgesellschaft, als mutierten Kampf gegen Windmühlen, als Science-Fiction-Neuauflage eines Don Quijote. Oder einfach als puren Eskapismus.

Dabei ist Harvey Rushmore & The Octopus eine ernsthafte Band, weit weg von abgedrehtem Schabernack auf der uralten Rock’n’Roll-Schiene. Das hat die Band schon letztes Jahr mit dem Erstling The Night bewiesen (Review «Surfen in dunklen Untiefen»).

Harvey Rushmore & The Octopus © 2018 Mehdi Benkler
Harvey Rushmore & The Octopus © 2018 Mehdi Benkler

Hypnotischer Vorwärtsdrang und melancholisch-verstimmte Eindringlichkeit

Musikalisch besamt uns das Album Futureman wieder mit einem hypnotischen, beinahe schon hysterischen und manchmal melancholischen Trip durch die Subkultur vorab amerikanischer, psychedelischer Garage-Rockmusik von Surf über Beat bis Ballade.

«Slime On The Beach» beglückt gleich am Anfang der LP mit wummriger Space-Orgel und der Titeltrack «Futureman» geht geradeaus in die Beine. Schlagzeug und Bass bleiben Garant für den hypnotischen Vorwärtsdrang dieser Musik, die live auch mal über zehn Minuten in den Orbit raufgeschraubt wird, bis Schuhsohlen und Kiefer klappern. Im frühen Sommer 2018, als einzige Basler Band an der diesjährigen Bad Bonn Kilbi, fingen Harvey Rushmore & The Octopus das Publikum mit diesem Sound, ganz ohne Lasso und Harpune, locker ein, zu Tanz und Ekstase, bis die Club-Temperatur auf grob geschätzte 41,125 Grad gestiegen war.

Sänger Massimo Tondini (ebenso in der letzten Navel-Formation aktiv wie Drummer Jakob Läser) ist nicht unbedingt der Stimmgewaltigste, aber er berichtet von den Abenteuern des Futuremans mit einer melancholisch-verstimmten Eindringlichkeit, die schnell unverkennbar und unverzichtbar wird. Etwa in «Spiders In The Sun» oder «Cosmic Lovers», einem bezaubernden Rausschmeisser für die frühen Stunden, wenn die Bar leergeraucht und die Strasse draussen auf die letzten Versprengten der Nacht wartet.

Retro-inspirierte Musik, die eine Menge Zukunft verspricht
«Nightwalker» nimmt die Stimmung vom Debütalbum The Night wieder auf, auch hier zaubern die Gitarrenklänge sehnsüchtige Twang-Schlaufen unter die Schädeldecke. «Trees Have Eyes» breitet über sieben Minuten spacige Ausflüge vor uns aus, bevor der letzte Song «Hole In The Sky» fast schon an die Musik der Zürcher Psychedelic-Urväter Krokodil erinnert.

Futureman ist ein bezauberndes, mitreissendes Stück retro-inspirierter Musik, die eine Menge Zukunft verspricht. Aufgenommen wurde das Album in Basel und Berlin von ex-Navel-Mastermind Jari Antti. Harvey Rushmore klingt wie keine andere Band und hält Geheimnisse und Geschichten bereit, auf die sonst niemand kommt. Und das macht sie im analogen Bereich zu einer der aufregendsten Bands des Landes.

Im Moment erobern Harvey Rushmore & The Octopus auf Clubtour die verstreuten Herzen der Erwartungsvollen zwischen Prag und Lissabon. Überhaupt sind sie viel unterwegs und das ist schön: Die Band spendet Hoffnung für die Zukunft, für die unser mysteriöser Held Futureman zwar keine blühenden Landschaften verspricht, doch jede Menge Liebe und Abenteuer.

Wobei: Zukunft ist ein Konstrukt, keine reale Zeit. Sie beginnt in der übernächsten Sekunde und ist dann gleich wieder vorbei. Und beginnt von neuem. Hunden ist das egal, Menschen macht das verrückt.

Bis also die perfekte Zeit über uns hereinbricht, nehmt diese Platte mit ihrer Story. Sie ist eine wunderbar klingende Zeitmaschine.

Harvey Rushmore & The Octopus – Futureman

(A Tree In A Field Records) ist am 5. Oktober 2018 als CD, LP und digital mit einem Beitrag des RegioSoundCredit des RFV Basel erschienen.

Live on Tour
07.11.2018 CZ-Prag,Kasárna Karlín
08.11.2018 D-Hamburg, Molotow
09.11.2018 D-Chemnitz, Lokomov
10.11.2018 D-Netzschkau, Boarwerk
11.11.2018 D-Berlin, 8MM Bar
12.11.2018 D-Saarbrücken, Tante Anna
13.11.2018 D-Bamberg, Pizzini
14.11.2018 L-Luxembourg, De Gudde Wëllen
15.11.2018 F-Troyes, The Message
16.11.2018 F-, t.b.a.
17.-24.11.18 Spanien und Portugal, siehe Website

Aktuelle Live-Daten auf der Website der Band. Alle weiterführenden Links unten in der Band-App.

LP-Verlosung
Der RFV Basel verlost ein LP-Set von Harvey Rushmore & The Octopus, nämlich Futureman und The Night. Teilnehmen: E-Mail an den RFV senden. Es wird keine Korrespondenz geführt.

Harvey Rushmore & The Octopus

08/08/2018
Harvey Rushmore & The Octopus © Mehdi Benkler 2018
Harvey Rushmore & The Octopus © Mehdi Benkler 2018

Beiträge
4 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger, Tournee | 2018
2 000 CHF | RegioSoundCredit Tournee | 2017
3 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2017