Gravpel, Videostill © zvg. 2021
Gravpel, Videostill © zvg. 2021

Gravpel – Power To The Filthy Masses: Black Metal Punk's Not Dead!

Basel hat eine neue harte, laute Band, die Extreme zelebriert und die Revolte heraufbeschwört. Für die einen ist das unhörbar, für die anderen ein wichtiges, kompromissloses Niederreissen von Tabus und Doppelmoral. Gravpel reisen mit Crust Punk im Seesack zurück an die Ursprünge von Black Metals Zweiter Welle und drücken den linken Reset-Knüppel. Auf dem Rücksitz:

07/12/21  Doktor Fisch

Jede Konzertabsage tut weh, seit Februar 2020. Für die Plattentaufe von Gravpel am 10. Dezember im wiedereröffneten Sudhaus Basel schmerzt die Absage gleich doppelt. Einerseits, weil das Genre Anarcho Black Metal in der Basler Bandszene doch eher selten besetzt wird (eigentlich nie, ausser bei Gravpel) und live noch seltener zu erleben ist. Und andererseits, weil die fünf bemalten Metal-Punk-Gesellen ihren Platz auf der Bühne gerne mit provokativen und tabubrechenden Performances teilen und sich für die Release Show mit Garantie ein ganz besonderes Spektakel ausgedacht hatten.

Doch gegen die Corona-Abrissbirne haben selbst die härtesten Kerle keine Chance. Leider also keine schnellen harten Lieder von Gravpel im Sudhaus. Auch das Eröffnungswochenende des Sudhaus' am 3.+4. Dezember 2021 fällt flach. Zum Heulen, und zum Kotzen.

Black Metals unselige Verseuchung durch rechte Ideologien

Ein kurzes Rattern der Zeitmaschine deshalb. – Ist das nur provokative Kunst im wüsten Kleid des militanten Black Metal Punks?, dachte sich Doktor Fisch, als er Fotos vom ersten Gravpel-Konzert Ende Mai 2019 in die Hände bekam. Kehren die fünf Gesellen (und die gefesselte nackte Person) auf der Bühne ernsthaft an die Ursprünge der zweiten, norwegischen Black-Metal-Welle mit Bands wie Darkthrone, Burzum, Emperor, Mayhem oder Gorgoroth zurück?

«Dieses fünfköpfige Abrisskommando bringt die Gefahr zurück!» (in die Black Metal Szene), versprechen Gravpel selbstbewusst im dürren Presseinfo zum Debütalbum Power To The Filthy Masses. Gravpel verstehen sich als eine Art Tatortreiniger, der der «miserablen rechtsextremen und NS-Black-Metal-Scheissszene den Finger zeigt». Sie haben sich einiges vorgenommen, die fünf Musiker, deren Namen nirgends vermerkt sind, was in der BM-Szene üblich ist. Anonymität, Corpse Paint (Gesichtsbemalung), keine Interviews, unverständliche Texte: Man bleibt doch eher in der Nische.

Apropos miserables Image der BM-Szene: Tatsächlich hatte die norwegische (und skandinavische) Extreme-Metal-Szene der späten 80er und frühen 90er keine gute Presse, weil einige der bekanntesten Bands und Musiker (gendern muss man hier wirklich nicht) mit Brandstiftungen, Entführungen, Morden und Nazi-verherrlichenden Aussagen und Aktionen für gefürchtetes Aufsehen sorgten. Und dadurch auch Popularität erreichten. Auch heute noch, fast 30 Jahre später, kämpft die Black-Metal-Szene mit Rechtsaussen-Bands, die unter NSBM nichts weniger als National Socialist Black Metal verstehen.

Red & Anarchist Black Metal und Crust Hardcore Punk in einem

Gravpel setzen dem mit ihrer Ideologie, ihrem düsteren Image und dem ureigenen Stil des RABM¹ (Red & Anarchist oder auch Antifacist Black Metal) ihre laute und wütende Antwort entgegen. In diesem Sinne sind Gravpel klar eine linke, politische Band, die mit den herr*schenden Verhältnissen eines kapitalistischen Systems absolut nicht einverstanden ist und diese mit ihren Mitteln bekämpft. Linker Black Metal samt Corpse Paint, verschränkt mit dem Crust Punk und Grindcore der britischen Szene der späten 80er Jahre: Da finden musikalisch zwei laute und temporeiche Kampfstile eine gemeinsame Arena.

Gravpel © zvg. 2021
Gravpel © zvg. 2021

Das Düstere, das Finstere hat Hochkonjunktur in diesen Zeiten

Mittlerweile ist Black Metal, trotz rechten Rändern, eines der progressivsten, buntesten (sic), interessantesten und avantgardistischsten Genres der populären und im Untergrund agierenden Musikkultur und hat mit plumpem Satanskult (fast) nichts mehr zu tun (im Gegenteil, es gibt gar christliche Bands unter dem Label Unblack Metal).

In Basel selbst sind mit Schammasch, Zeal & Ardor oder ColdCell drei Bands zu nennen, die innerhalb und auch ausserhalb des BM-Genres unterschiedliche Musik auf sehr hohem Niveau machen und in ihrer Nische (und darüber hinaus) erfolgreich sind. Und zwar, wie es der Metal Community immer schon eigen war, auch weit ausserhalb des Landes und des Kontinents. Auch Gravpel vertreiben ihr Debüt in den USA, Taiwan und Europa in unterschiedlichen Versionen (s. unten).

Andererseits: Ehemalige oder verwässerte BM-Bands wie Behemoth oder Dimmu Borgir sind heute im Musik-Mainstream angekommen und Teil einer nach und nach an gesittete Härte gewöhnten Unterhaltungsindustrie, die auch Bands wie Rammstein, Metallica oder neuerdings Metal-Trancecore-Bands wie Eskimo Callboy durch die Welt promotet wie eine tätowierte, muskel- und nietenbepackte Version von «Wetten, dass ..?» x Ballermann.

Doch zurück in die russgeschwärzten dunklen Katakomben: Das Düstere, das Finstere hat mittlerweile Hochkonjunktur; die Suche nach Sinn, Antworten, Wahrheiten, Okkultem und Mystik auch, doch viele Black- und Death-Metal-Bands pflegen dieses Morbide, Düstere und Endzeitliche schon eine ganze Weile – sind also quasi Experten*innen darin, mit Negativem in der Welt und in sich selbst umzugehen. Subgenres wie Atmospheric BM, Depressive oder Industrial BM und auch Suicidal Black Metal sprechen eine klare Sprache: Hier treffen sich diejenigen, die mit dem auf Hochglanz polierten, oberflächlichen Way Of Life absolut nichts anfangen können.

Gravpel: Harziger Start mit einigen Rückschlägen

Doch zurück zu Gravpel und ihrem Debütalbum Power To The Filthy Masses. Im Jahr 2019, als die Welt noch etwas normaler war als heute (aber deswegen nicht wirklich besser), machten die Basler Anarcho-Rocker zum ersten Mal auf sich aufmerksam: Ein Split-Tape mit vier Songs von Gravpel und drei Songs der Zürcher Mundart-Metal-Kumpanen Holzerhurd machte die Runde. Anarcho-Primitivist Blackmetal², so der selbsterklärende Titel.

Es folgte das erste Konzert der Band mit allen nackten Schikanen in Basel (Mai 2019, siehe oben). Eine für den Herbst 2020 geplante Tour durch das südliche Afrika fiel wegen der Pandemie ins Wasser, dafür reichte es in der Corona-Flaute im Sommer 2021 für einen Auftritt beim isländischen Norðanpaunk Festival, wo die Sonne nie ganz untergeht, dafür durchaus mal ein Vulkan ausbrechen kann, mitten in der Show. So geschehen bei Gravpel.

Gravpel © zvg. 2021
Gravpel © zvg. 2021

Zurück von der erstaunlichen Húh-Húh-Insel releaste die Band ihr erstes Musikvideo als aggressive Inszenierung eines Aufstands, den der Titeltrack des Albums «Power To The Filthy Masses | What We Aim For» ja auch verspricht. Alle Macht dem dreckigen Volk! Das Video wurde nach kurzer Zeit von YouTube gelöscht (die Gründe dafür hier in der Rubrik Video of the week), von der Band aber zensiert wieder hochgeladen.

Im gleichen Sommer 2021 fand ein Song von Gravpel noch Platz auf dem Kassettensampler «Antifascist Black Metal Vol 7» des spanischen Design-Labels Branca Studio. Und nun also das Debütalbum, das, passend zum aktuell wütenden Corona-Sturm, leider am 10. Dezember nicht getauft werden kann. Das ist mehr als schade, lebt das Genre, lebt die Band doch am allermeisten von ihren tabulosen Shows, und so viele waren es noch gar nicht bis jetzt.

Ein Angriff auf alte Moralvorstellungen von Vorherrschaft

Das Gravpel-Album erreicht zwar nicht die makaber-blutige Qualität eines Death-Metal-Massakers à la Cannibal Corpse (deren neues Album übrigens eine hohe Messlatte setzt) und es will und kann sich auch nicht mit der nihilitischen, skandalträchtigen Live-Inszenierung von Gorgoroth damals in Polen messen.

Doch Gravpel sehen die Bühne sehr wohl als Ort, wo Extreme und Verstörendes gelebt und gezeigt werden sollen. Wo andere reden und diskutieren, machen Gravpel einfach und zeigen nackte Tatsachen, die die neo-prüde Doppelmoral der westlichen Gesellschaften durchrütteln.

Die acht Songs auf dem Debütalbum versteht die Band als acht «pleas for change, ressistance and action, a relentless assault on old morals and encrusted ideas of supremacy and imparity» (also «acht Plädoyers für Veränderung, Widerstand und Aktion, als unerbittlicher Angriff auf alte Moralvorstellungen und verkrustete Vorstellungen von Vorherrschaft und Ungleichheit»).

Die selbstbewusste Auf- und Abräumer-Band aus dem Kleinbasel hält der Kundschaft also alles andere als ein gepflegtes Album vor die Augen und Ohren, sondern baut die rohe Wall Of Sound von Anfang an hoch und dicht. Es startet mit dem Track «Call To Action | Grind Them To Waste», einem Black-Metal-dominierten Hurrikan mit genre-typisch gekreischten Lyrics und brutalem Tempo.

Ein Klima des kommenden Aufstands

Track 2 «Dividing Scars | Lines In The Dirt» führt den Ritt weiter und bringt mit dem einen oder anderen Tempowechsel bzw. Break die Dynamik in Spiel: Gravpel sind nicht einfach eine auf Rekordwerte an Speed und Blast abonnierte Metal-Punk-Band, sondern nehmen Elemente der britischen Crust-Hardcore-Punk- und Grindcore-Szene der 80er Jahre gekonnt auf, um sie roh mit ihrem Sound zu zerkneten.

Der Track «First Spark Of The Inferno | Set Ablaze» bringt von Anfang an einen konstanten Blast, durchgehendes hochgepitchtes Geschrei (ähnlich wie beim Growling im Death Metal bleiben die Lyrics unverständlich und es gibt bei Gravpel zu den Songs kein Lyricsheet), interessante Breaks, eine Art Gitarrensolo nach 2,5 Minuten und am Ende einen schönen Hardcore-Abgang samt Hintergrundrauschen.

Am Ende des Album bringt die Band konkrete Revolutionstheorie ins Spiel: Im Song «Tribute To Tiqqun | Identity» huldigen Gravpel der französischen Streitschrift «L’Insurrection qui vient» (Der kommende Aufstand), die ab dem 2007 für Aufsehen sorgte und von einem Autor*innenkollektiv anonym publiziert worden war.

Gravpel – Power To The Filthy Masses (Cover) © Gravpel 2021
Gravpel – Power To The Filthy Masses (Cover) © Gravpel 2021

Alle Macht dem Lumpenproletariat

Gravpel beschwören in ihren Songs ein Klima der kommenden Revolte herauf, einer gesellschaftlichen Revolution, die Ungleichheit und Ungerechtigkeit beseitigen soll. Und den dreckigen (filthy) Massen die Macht zurückgibt, eben dem Lumpenproletariat. Wie realistisch dieses Szenario sein könnte und wie das konkret aussehen soll, verrät die Band nicht. Schliesslich sind Gravpel keine Partei, auch keine junge.

Die Band und ihr Umfeld zelebrieren ein Musikgenre und ein Image in einer Radikalität, von der nicht wenige Leute sich wohl wünschen, sie würde gar nicht existieren, diese Band. In dem Sinne ist das hier Punk mit Leib und Seele. Hoffentlich verpufft die Energie nicht im verseuchten Resonanzraum dieser vom hässlichen Gekeife um Corona dominierten, strapazierten und ermüdeten Gesellschaft, die sich nichts so sehnlich wünscht wie «Normalität». Dabei wäre es historisch längst wieder mal Zeit für eine wirklich provokante, kluge Gegenkultur im Geiste des Punks. So weit von 1976 ist die Gesellschaft 2021 nicht entfernt.

Die Plattentaufe von Gravpel ist aber erstmal verschoben.
Die Pläne für die Tournee durchs südliche Afrika sind aber ebenso lebendig wie alle anderen Pläne. Ein guter Grund mehr, dass die Erstarrung durch Corona endlich vorbei gehen muss. 2022, spätestens. In Bewegung bleiben ist gut.

💀

Gravpel: «First Spark Of The Inferno | Set Ablaze»

Gravpel – Power To The Filthy Masses

(verschiedene Labels) ist am 22. Oktober 2021 als LP, CD (MiniDisc) und Tape sowie digital erschienen.

  • LP, EU-Pressung: folgt wegen Lieferverzögerungen erst im Januar 2022, vorbestellen
  • LP, US-Pressung: erhältlich über Bandcamp
  • CD (MiniDisc): erhältlich über Bandcamp
  • Tape Asien: erhältlich über Bad Moon Rising, Taiwan

Plattentaufe 𝕻𝖔𝖜𝖊𝖗 𝖙𝖔 𝖙𝖍𝖊 𝖋𝖎𝖑𝖙𝖍𝖞 𝕸𝖆𝖘𝖘𝖊𝖘
10.12.2021 Basel, Sudhaus +++ ABGESAGT +++

¹ RABM; Genre-Mitbegründer ist u.a. die Band Iskra aus Kanada um die Jahrtausendwende. Eine aktuelle interessante Band aus den USA ist etwa Book Of Sand.
Bei Reddit treffen sich immerhin 9 600 Anhänger*innen des Genres. Ein interessantes Archiv von Releases weltweit bietet zudem dieser Blog.

² Das erste Tape gibt es auf Bandcamp der Band.

Gravpel

30/11/2021
Gravpel © zvg. 2021
Gravpel © zvg. 2021