MyPod female: 11 Top Titel von Chrigel Fisch

Import/Export. Auch Doktor Fisch. RFV Basel seit 2009.

03/10/18

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Angel Haze – Werkin Girls (2012)

Let it flow hardcore: Underdog-Rap mit Overdose-Beats aus Michigan, gegen alles, für sich selbst. HipHop ist ziemlich krank geworden in den letzten Jahren, vor allem in den USA, fuck it. Gut gibt es Rapperinnen wie Angel Haze. Eine der besten Freestlyer*innen, und viel, viel, viel mehr. Hat mich damals komplett aus dem Fenster geblasen. Ausserdem kenne ich keine Frau und auch keinen Mann, die sich Edgar Allan Poes Visage auf den Oberschenkel hat tätowieren lassen. Rap Priest!

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Mirel Wagner – Ellipsis (2014)

Mirel Wagner ist ein seltenes Geschenk. Sie reduziert Soul und Folk auf das kalte verlorene und doch hoffnungsvolle Herz, ohne jeglichen Schnickschnack. Klingt nach Ruhe, aber diese Frau atmet das Leben auch durch zwei Meter Schnee hindurch. Minimal Dark Soul, soll ihr mal eine nachmachen. Dieser Song kommt erst ganz am Schluss in Fahrt, und dann sind darin etwa 100 Jahre nie gehörte Tragödie drin – veil of tears. Zum ersten Mal hab ich die äthiopisch-stämmige junge Finnin live im El Lokal in Zürich gesehen, dann nochmals am Reeperbahn Festival in Hamburg in diesem Club unter der Erde. Mehr Gegensatz war nie. Und muss auch nie wieder sein.

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L7 – Bad Things (1996)

Love to L7 forever. Hier powert Punk und Alternative und Metal. L7 – für Square, also langweilig (mach das mit beiden Händen, linke Hand straight und Dauen rechtwinkling = L, rechte Hand ebenso, aber umdrehen, = 7, dann zusammenfügen, = L7, geht doch) – waren und sind die perfekte Energie und der perfekte Finger gegen alle Arschlöcher, auch im Musikbiz.

L7 haben als Rockband ein ganzes Arsenal messerscharfer Haltung und brutaler Songs abgeliefert, name the hits! Und Skandale. Für mich waren diese Skandale allerdings: Attitude. Für L7 würd ich mich erschiessen lassen – okay, nehmt Platzpatronen. Got things to do. «Bad Things» spielen L7 live gar nicht so oft (deshalb hier mit seltsamen Sound vom Rockpalast). Und wie die LA-Damen heute drauf sind, checkt ihr am besten out live from Hellfest, «Fast And Frightening», eins-zwei-drei-vier!

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Lucinda Williams – Side Of The Road (1988)

Sie macht mit ein paar Worten und Gitarrengriffen eine Welt auf, in die ich jederzeit eintauchen kann, if only for a minute or two. Ganz ähnlich wie Townes Van Zandt zieht sie dem Leben die Geschichten aus dem Blut und aus den Knochen und vom Gesicht. Geschichten, die es verdienen, niemals vergessen zu werden.

Die besten Geschichten finden immer abseits der Hauptstrasse statt, finde ich auch, wenn man aus dem Auto steigt, in die Wiese rausschlendert und einfach hinausschaut in die Welt vorm Horizont, und horcht, wenn deine Haut mit dir redet und du plötzlich vom Gefühl überfallen wirst, dass es genau darum geht. Die Zeit steht nicht still, aber du.

Plus: der Wind. (Leider haben die Scheiss-Anwälte die Löschung der Live-Version aus Youtube erzwungen, mögen ihre Bankkonten und SUVs von Termiten zerfressen werden ... – Darin war das zeitlose vibrierende Echo von Lucinda Williams' Stimme noch schöner. Dinge vergehen.)

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Unknown Gender - The Beast (1982)

Girls have rhythm! Unknown Gender haben mich im Teenage-Angst-Alter mit einer in Packpapier verpackten Kassette auf Transgender und schrillen Frauen-Wave-Punk gebracht – es war an den Winterthurer Musikfestwochen im August 1982. Dieser Song hat einen irren Beat, irgendwo zwischen New Yorker No Wave, Tribal Funk, Orient Klezmer und Menstruationsblutrauschen. Dieser wummrige Puls hat mich damals ziemlich eingeschüchtert. So wurde ich Fan. Frontfrau Lynne Messinger hatte eine fantastisch-gefährliche, androgyne Wave-Punk-Attitude – okay, ich war jung. Unknown Gender brachten 1984 das Album Electric Kiss und 1985 Rapid Vibrations raus, zwei Longplayer, die komplett geil und komplett vergessen sind. «Tragedy» war ein kleiner Hit immerhin.

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Patti Smith – Rock’n’Roll Nigger (1978)

«I am an American artist. I have no guilt. I have no truth but the truth inside you», sagt Patti Smith in dieser Live-Version. Poetry, Rebellion, Kunst, Feminismus und Rock’n’Roll haben nie besser funktioniert als bei Patti Smith. Warum? Weil sie all das ist und es auch mit Wut und Dringlichkeit verteidigt. Kein Fingerbreit dem Kommerz. Keine Helden, ausser den wahren.

Ausserdem trägt Patti Smith ganze Landschaften und vermutlich noch ein paar Sternenbilder mit ihrer Stimme in die Welt, seit 50 Jahren oder so. Dieser Song: Für Jimi Hendrix und alle anderen, denen es nicht gereicht hat, das System zu knacken, das da heisst: Kapitalismus, Kommerzialisierung der Kunst, Unterdrückung der Ränder. Rassismus. Ignoranz. Macht.

Friedens- oder Literatur-Nobelpreis, mir egal, Hauptsache die ganz grosse Verneigung vor dieser Frau, die auch – auch! – Bücher schreibt, die man mir gerne mal an den Grabstein nageln darf, falls dann grad jemand Zeit hat.

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Bikini Kill – Rebel Girl (1993)

Bikini Kill waren wichtiger als viele andere Bands des Alternative Rock & Punkrock in den USA. «Rebel Girl» kam für viele Frauen und Queers auch in Europa als Befreiung vom Machotum der Rockmusik reingebremst, damals, relativ spät. Für mich zählte vor allem der unglaublich mutige und dreckige Punk Spirit dieser Frauen. Die konnten nichts und sagten alles. Much fun, much attitude. The revolution’s coming! Feminismus ist Handeln, ja, Feminismus kann eine sehr befreiende Energie sein. Kathleen Hanna von Bikini Kill hab ich später mit ihrer Band Le Tigre in der Kaserne Basel kennen gelernt, ein sehr wichtiger Moment. Und von Tobi Vail hab ich einen Brief an der Wand. Okay, nichts persönliches. Aber eine schöne Handschrift.

(PS 1: Die erste Demo-Aufnahme des Songs ist vor ein paar Jahren auf der LP Yeah Yeah Yeah rausgekommen, total primitive Musik, so wie Punk tatsächlich mal war. Die ganze EP gibts hier, fix your ears.)

(PS 2: Inspiration für Bikini Kill war wohl auch «You» von Kleenex aus Zürich, 1978, ein komplett frischer Song, den mir jede Frauenband sofort vorspielen soll, falls sie’s drauf hat. RIP Marlene Marder.)

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Jex Thoth – Warrior Woman (2008)

Jessica «Jex» Thoth ist ohne irgendeinen Hauch von Zweifel die Hohepriesterin der obskuren und okkulten Rockmusik, Doom included. Musik und Lyrics sind hier nicht einfach geschickt ineindergeschachtelt und hochgefranselt oder mittelalterlich oder hexenulkig lustig verpackt, sondern die einzig mögliche Form der Existenz und Kunst – eine uralte Energie, die sich entzündet. Ohne Kerzen und Messer läuft nichts bei einer Jex Thoth Show. «Warrior Woman» ist nicht unbedingt der beste Song der mysteriösen Schamanin aus dem Hinterland von Wisconsin, sondern der mit dem besten Songtitel. Kriegerfrau, so soll es sein.

Gehet hin, wenn Jex Thoth um ihr und für euer Leben spielt, die Messe feiert und etwas heraufbeschwört, von dem ihr noch nie gehört habt. All hail the Warrior Woman!

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Anna Aaron – Joanna (2011)

«Joanna» vom Album Dogs In Spirit, hier in einer Live-Version, die es mir damals schwer angetan hat und noch immer tut – wie überhaupt viele Songs dieser Frau. Ausserdem mag ich alt-testamentarischen Kram (kenne mich aber nicht damit aus). «Da will jemand unseren Atem, unsere totale Aufmerksamkeit, unseren Schweiss. Der Eintritt ins Reich der Anna Aaron ist also kein schrilles Schreien und Tanzen auf der antiseptischen Oberfläche des Pop-Mainstreams und auch kein feuilletongerechtes Fräulein-Befindlichkeits-Schaulaufen, sondern ein veritables Manifest der Beschwörung der dunklen, der wahren Seite der Seele», hab ich vor sieben Jahren geschrieben. Aber schreiben kann mal viel. Besser hören, auch alles Neue von ihr.

There's hope, don't you know.

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Honorée – Pearls (2017)

«Pearls» hat alles, um eine verlorene Nacht zu retten. Zum Beispiel die Lässigkeit der totalen Besinnungslosigkeit am Rande eines unter Umständen sehr kläglichen oder auch sehr schönen Abgrunds. Honorée ist eine Minimal-Techno-Producerin, House-Tief-Shakerin und DJane aus Basel und «Pearls» hat diesen – mein altes Hirn spielt wieder mal Tricks mit mir – belebenden ultracoolen Romy-Schneider-rocks-Paris-Touch 2018. Ausserdem ist der Track perfekt zum Autofahren, en route, 75 km/h. Und ausserdem erinnert er mich an Front 242.

Und ausserdem liebe ich die Idee, dass Musik, dass ein Song eine Perle an einer Halskette ist. Und ausserdem sagt da jemand «mon amour», und das ist nie falsch. Vor allem nicht im Herzen einer Nacht, die dich entweder in die schwerelose Freiheit entlässt oder dich plötzlich komplett zerstört.

Na, steckt doch eine Menge drin in der Musik.

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Lassie Singers – Hamburg (1992)

Joker, Song Nr. 11. Dieses Lied macht mich seit vielen Jahren augenblicklich glücklich und traurig zugleich. Traurig, weil Britta Neander und Almut Klotz von den Lassie Singers nicht mehr da sind, und auch die besetzte Hafenstrasse in HH nicht mehr da ist, und auch nicht das Gefühl der 80er- und 90er-Jahre, nämlich: Es ist gut so, wir machen das jetzt so, scheiss auf die andern, Computer sind doof, Kohl ist Birne, für uns lieber Freiheit und Schnaps! Glücklich, weil ich diese vier Frauen ein paar Mal im Leben (als Veranstalter und Fan) getroffen habe und sie mich nie beachtet haben, sondern im Backstage lieber über Damen-Themen diskutiert haben.

Und Hamburg, okay, lange Geschichte. Jesus liebt dich, aber Allah ist ja auch u akbar. In diesem Song ist alles drin, sogar Skianzüge am Hans-Albers-Platz auf der Reeperbahn und Baggerseen und der Hessische Rundfunk und Heimweh. Ach Deutschland ...

Danke Lassie Singers, ihr habt viele Menschen gerettet.

Und das wars schon.

Chrigel Fisch

Chrigel Fisch

Fachleiter | 50 %
chrigel@rfv.ch
T +41 61 201 09 76

Chrigel Fisch ist seit 1993 in der Basler Musikszene aktiv, zuerst im Musikbüro Fischer & Fisch der Kaserne Basel, danach bei BScene und dem Jugendkulturfestival Basel. Von 2004 bis 2011 betreute er die Laufentaler Band Navel. Er arbeitete nach dem Abschluss des Medienausbildungszentrum MAZ Luzern als freier Journalist und tritt als Autor von schlecht verkäuflichen Büchern in Erscheinung. Ansonsten: verheiratet, ein Kind, Teilzeit-Hausmann, Vollzeit-Langhaariger. Kind der Jugendunruhen in Zürich 1980/81.

Beim RFV betreut er die Kommunikation (Website, Social Media, News, Newsletter, Medienarbeit), hat Rockproof 2.011 und 2.017 geschrieben und treibt sich in dunklen, lauten Clubs und Kellern rum – gerne auch mit einem Bier.