Schammasch © Ester Segarra 2019
Schammasch © Ester Segarra 2019

Schammasch – Hearts Of No Light: Der Abgrund der Welt sind wir

Die Basler Extreme-Metaller Schammasch stülpen auf ihrem vierten Album ihr Universum um: Hearts Of No Light ist eine Reise weg vom Licht hin zum Abgrund runter. Mit aller Härte auf der einen und einer fast greifbaren psychedelischen Aura auf der anderen Ebene zelebriert die Band eine Spiritualität der Erlösung durch Erneuerung. Hearts Of No Light lässt sich als Mahnung lesen. Und als atemberaubender Feuerflug hören. Meint Doktor Fisch und noch zwei, drei Dinge mehr. Release Show am 8. November 2019 bei Rites Of Distruction im Sommercasino Basel.

01/11/19  Doktor Fisch

Schammasch aus Basel sind eine absolut erstaunliche Band. Seit fünf Jahren veröffentlichen die Hohepriester des Post/Black-Metals ihre Platten auf dem US-Label Prosthetic Records (seit zehn Jahren gibt es die Band schon), touren quer durch Europa, werden in unzähligen, vorab internationalen Metal-Magazinen abgefeiert, liefern mit dem Triple-Album Triangle ein hochgelobtes Meisterwerk ab ... und bleiben doch weit unterm Radar der hiesigen Musik-Intelligenzija.

Zwar räumten Schammasch vor zwei Jahren zusammen mit Zeal & Ardor den Basler Pop-Preis ab (Zeal & Ardor das Preisgeld, Schammasch die Publikumsgunst), aber sonst lässt die heiter-gefällig-kreative Musikschweiz lieber ihre Finger von diesem mächtigen, beschwörenden Universum der vier Musiker um Mastermind C.S.R. Das ist schade, denn Schammasch sind «more than metal», eine spirituelle Erfahrung aus meditativen Schallwellen. Die Massagetechnik der fünf Metal-Legionäre ist zwar laut, frontal und gefährlich, aber am Ende fühlt sich der*die Patient*in wie neugeboren und getröstet. (Über 20 000 Menschen nutzen die Massagetechnik Schammaschs monatlich allein auf Spotify.)

Haben Schammasch das Image einer Band des Unglücks?

Es ist ja nicht so, dass Schammasch in dunklen Höhlen unterm tiefen Waldboden residieren und dandyhafte, Schwarze Messen feiern, nein nein. Schammasch sind auch eine urbane Band, die jedoch vorab in den Katakomben der Gegenkultur, abseits des öden oberirdischen Eventmanagements, ihr funkelndes Schwert auspackt. Jedenfalls zählt man – ausser bei Zeal & Ardor und Klaus Johann Grobe, um in Basel zu bleiben – nirgends so viele hippe urbane Städte im Tourkalender wie bei Schammasch: Paris, Berlin, London, Athen, Barcelona, Wien, Kopenhagen, Oslo ... und bald Los Angeles. Trotzdem ist es nicht ganz wegzureden, dass Schammasch beim durchschnittlich kulturaffinen, urbanen Menschengeschöpf als eine «Band des Unglücks» rüberkommen. (Mehr dazu weiter unten.) Hat wohl mit dem Genre Metal zu tun, das als gefährlich gilt und wo das Glück tiefschwarz schimmert.

Doch wir schweifen ab, zurück zur Musik. Nach Triangle (2016) und der einzigartigen EP The Maldoror Chants: Hermaphrodite (2017) liegt mit Hearts Of No Light das vierte Langeisen der Band auf dem Altar. Es ist roher und in der Form freier als noch Triangle, knüpft aber im hetzenden und wilden Vorwärtspreschen an Hermaphrodite an. Allein das pulsierende, irgendwie atonale Piano-Intro beschwört: Hier ist etwas überhaupt nicht in Ordnung. Hier will jemand Rache nehmen.

Schammasch – Hearts Of No Light (Cover)
Schammasch – Hearts Of No Light (Cover)

Es dringt kein Licht mehr vor in das verlorene Herz

Als Ganzes ist Hearts Of No Light wieder ein Konzeptalbum, auf dessen Cover nun erstmals ein Typ aus der Bibel auftaucht: Es ist der Erzengel Gabriel, der die Trompete zum Jüngsten Gericht bläst. Tag der Abrechung? Ja, und nein, aber wir sind hier nicht bei Terminators «Dark Fate», sondern beim Herzen ohne Licht (also eine Etage tiefer als bei «Heart Of Darkness» von Joseph Conrad). Dieses Mal zerstört Schammasch, dieser Lichtbringer (in der babylonischen Mythologie), sein sorgfältig errichtetes Gemäuer. Schammasch tobt. Es dringt kein Licht mehr vor in das verlorene Herz; die Transformation des Todes in das Licht bleibt stecken.

Doch Hearts Of No Light dreht sich deshalb nicht im Kreis, sondern sinkt hinab in den tiefsten Abgrund: Musik und Lyrics sind direkter, fordernder als noch auf Triangle. Songs wie «I Burn Within You», «Katabasis» oder «Quadmon’s Heir» (das Erbe des Ur-Adams in der jüdischen Kabbala-Mystik) preschen unterschwellig aggressiv und brutal intensiv aus den Boxen, nicht zuletzt dank der mittlerweile drei Gitarren. Dabei beginnt zum Beispiel der Track «Katabasis» wie psychedelisches Traumpfadwandeln, bevor er sich zum heiligen Zorn zusammenzubrodeln beginnt und mit hochprozentigem Doublebass Drum, schneidenden Gitarren, scheunentorbreitem Bass und wütenden Vocals über uns hinwegrollt.

Als zynischer Kommentar zum Zustand der Welt lesbar

«Quadmon’s Heir» ist lyrisch sehr interesseant, weil er zuerst einmal rhythmisch packend ist («To oppress, to resort, to confess, to distort / To obsess what remains / for our reign / has come forth»). Und zudem interessant, weil einerseits ein mystisch-biblischer Kontext des Erbauens eines Königreichs lesbar ist, andererseits der Text genauso gut als zynischer Kommentar dazu verstanden werden kann, wie die momentan zuständige Menschheit mit wehenden Fahnen den Trottel-Führern mit ihren verblendenden Reden folgend blind auf ihr Ende und das des Planeten zurast: «And we did pray for dystopia / searing the flesh of the earth / under the flag of brightening word and ideal.» Kapitalismuskritik, wie ich finde.

Überhaupt sind die Lyrics, die Schammaschs C.S.R erstmals komplett ohne Drittmaterial, also Zitate aus mythologischen, surrealistischen, philosophischen, kryptischen oder religiösen Schriften, geschrieben hat. Es gibt, so verrät er uns immerhin (die kompletten Lyrics sind genug Material für die kommenden Winternächte), ein Zwiegespräch zwischen Autor und dessen Inspiration, also seiner Muse; dieses Zwiegespräch allein ist ein up and down zwischen Lobpreisung und Verteufelung. Die Muse tritt in einem Song selbst als Protagonistin auf, wird im nächsten vom Autor mit Liebe und Lob überschüttet (eigentlich ist dieser Song, «A Paradigm Of Beauty», ein Liebeslied) und im dritten verteufelt (dieser dritte Song ist «Katabasis»).

Schammasch © Ester Segarra 2019
Schammasch © Ester Segarra 2019

Das Ich zerstören, das Alte zerstören

Inspiration, Intuition, Luzidität, Zynismus, Spiritualität, Licht, Dunkelheit, Zorn, Surrealismus, Hyperrealismus und jede Menge Feeling und Groove: Diese Band ist offen für vieles auf dem Weg zur Weisheit. Musikalisch gab es auf jedem Album der Band eine Hymne, «Metanonia» hiess sie auf dem Album Triangle, und «Ego Sum Omega» heisst sie hier. Während in der biblischen Apokalypse von «Ich bin Anfang UND Ende»¹ die Rede ist, bleibt hier nur das Ende: Ich bin das Ende, Omega, gebaut aus Knochen. Oder mit den Worten von C.S.R.: «Das ICH ist das Ende. Im Kern geht es auf dem Album um die Zerstörung des Alten.» Wer Hearts Of No Light integral bis zum Ende durchhört, wird Zeuge davon. Schammasch erreichen eine Intensität, die so reinigend wie erleuchtend ist.

Zwei Anmerkungen am Rande:

  1. Mir kommt dabei das Bild eines Bildhauers in den Sinn, der im Inneren eines schwarzen Marmorblocks gefangen, sich daran macht, sein Kunstwerk aus dem Kern des Blocks heraus nach draussen zu hauen, Schicht für Schicht. Doch da der Marmorblock unendlich gross ist, wird sein Werk nie sichtbar werden, auch, weil im Innern des Blocks komplette Dunkelheit herrscht. So wie in jedem schlagenden Herzen ja auch, anatomisch gesprochen jedenfalls, denn es ist noch nie Licht in ein lebendes Herz vorgedrungen – ausser im OP vielleicht.
  2. Hearts Of No Light ist keine kühle Philosophie der Logik im Sinne etwa von Ludwig Wittgenstein («Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht.»²), sondern eine flammende Philosophie, die erst nach dem Tod des Faktischen und des Rationalen einsetzt: also jenseits des Lebens,  ausserhalb der Welt. Schammasch beschreiben das Innenleben der Gedanken im Widerstreit mit sich selbst und anderen. Doch das ist dünnes Eis, ich verstehe absolut nichts von Bildhauerei und Philosophie, deshalb: Zurück zur Musik:

Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen

Im vorab veröffentlichten Song «Rays Like Razors» (Video unten) gibt es diese starke, mantrahaft wiederholte Songzeile: «Diese Feuer jenseits des Todes werden niemals wieder aufsteigen» – der Lichtbringer Schammasch wird kein Licht mehr bringen, das Alte ist zerstört. Was wird folgen? Davon dann mehr auf dem nächsten Schammasch-Album, oder doch noch im Song: «I am gone, but still remaining here / For when I close myself, I am open too / To a reality turned upside down.»

Ganz am Ende ist da noch dieser 15-Minuten-Track «Innermost, Lowermost Abyss», eine Meditation auf den Abgrund, stellenweise ein Flamenco-beseelter Flug über andalusische Weiten, immer weiter, und dann hinauf in eine gedachte Höhle, wo geheimes Wissen uns erlöst. «Jeder Mensch ist ein Abgrund», heisst es da, oder interpretiert: Der Abgrund der Welt sind wir selbst – egal ob in der Schöpfungsgeschichte, der Evolution, in der Politik oder im Strassenverkehr.

Was mitschwingt und offen bleibt, wenn diese Platte am Ende ankommt: Das Alte mag zerstört sein, aber die Sehnsucht nach Erlösung ist es nicht. Der Abgrund ist nicht das Ende, oder lediglich das Ende des Ichs (Ego). Am Ende entsteht neues Leben, in welcher Form auch immer. Sofern der Planet dann noch vorhanden sein wird, um diesem neuen Leben einen Spiewiese oder eine Ursuppe zu geben, irdisch gesprochen.

Dann doch noch die Frage: Sind Schammasch eine Band des Unglücks? «Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen»³ hielt der Philosoph Wittgenstein in seiner leicht arroganten, kühlen Logik vor 100 Jahren fest. Immerhin war Wittgenstein ziemlich depressiv und zählte sich wohl selber zu den Unglücklichen. Messerscharf folgere ich daraus, ähem: Metal in dieser Form hier bewahrt den unglücklichen Menschen vor noch mehr Seelenpein und abgründiger Dunkelheit. Metal tröstet, Herr Wittgenstein.
In diesem Sinne: Nein. Keine Unglücks-Band, aber eine kompromisslose Band, die viel abverlangt, ohne jemals verkopft zu klingen.

Zeit, wieder einmal ihr Credo zu zitieren: «Schammasch steht an erster Stelle für spirituelle und künstlerische Freiheit, und eine kreative Weltanschauung, in der Licht und Dunkel gleichermassen notwendige Teile einer kosmischen Balance darstellen.» Dem ist nichts hinzuzufügen, ausser die Daten der ersten Live-Shows: 8. November 2019 beim Rites Of Distruction Festival im Sommercasino Basel; im Dezember folgt die Live-Premiere der Band in den USA, im Januar eine Europatournee mit Enthroned aus Belgien.

Und danach und bis auf weiteres bleiben Schammasch diejenige Band, die das kosmische Hintergrundrauschen empfangen und vertonen wird. Denn hier geht es – und das ist der zeitgenössischen Kunst meines Erachtens abhanden gekommen – um alles.
 

¹ «Ich bin (...) der Anfang und das Ende», Johannes Offenbarung Vers 22,13
² Ludwig Wittgenstein: Tractatus Logico-Philosophicus / Logisch Philosophische Abhandlung, 1921, Satz 6.4311
³ ebenda, Satz 6.43

Schammasch – Hearts Of No Light

(Prosthetic Records USA) erscheint am 8. November 2019 als CD, Doppel-LP und digital mit einem Beitrag des RegioSoundCredit des RFV Basel. Erhältlich im Fachhandel oder direkt im Shop.

Erste Live-Show Hearts Of No Light
8.11.2019 Basel, Sommercasino, Rites Of Destruction Festival
Aktuelle Live-Daten auf der Website der Band.

Verlosung
Der RFV Basel verlost 2 CDs von Hearts Of No Light. Teilnehmen: E-Mail an den RFV Basel senden. Es wird keine Korrespondenz geführt.

Youtube Video
Schammasch: «Rays Like Razors» (Musikvideo)

Schammasch

15/10/2019
Schammasch © Heiner Bach 2017
Schammasch © Heiner Bach 2017

Beiträge
5 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2019
4 000 CHF | RegioSoundCredit Tournee | 2017
7 000 CHF | RegioSoundCredit Musikvideo, Tournee | 2016
3 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2015