Bitch Queens – Custom Dystopia: Zu gut für die Nische

Die Basler Glam-Punkrocker zeichnen auf ihrem neuen Album keine helle Utopie, sondern eine düstere Dystopie unserer Gegenwart. Aber die Kritik klingt nicht einfach nur wütend und zynisch, sondern auch motivierend. Und mit «Brainwash Radio» haben die Vier einen Diss-Song auf die staatliche Radiostation mit der Frequenz 103.6 ins Programm genommen, wir schalten rein:

09/11/21  Doktor Fisch

«Coole Typen also, die man spätestens jetzt endlich mal für sich entdecken sollte, so man es denn bislang geschafft hat, sie zu ignorieren.»

Ein wahrer Satz als Abschluss der Review im deutschen Ox Fanzine¹, dem Gold-Standard in Sachen Punk und Garage Rock, Rock'n'Roll, Hardcore, Metal, Alternative und allen anderen okayen, artverwandten Genres der D.I.Y.-Musiksubkultur unserer Breitengrade.

Geschrieben hat die Review der Chef höchstpersönlich, Joachim Hiller, und es gibt im deutschsprachigen Musikjournalismus mit absoluter Garantie keinen, der mehr Platten und Musikfilme oder -Bücher besprochen, mehr Musiker*innen interviewt, mehr dunkle Flecken der Punk-Geschichte beleuchtet und mehr Heft-CDs zusammengetackert hätte als Mister Fanzine, Joachim Hiller.

33 Jahre hat das Ox-Fanzine auf dem junggebliebenen Buckel, 14 Jahre sind es nun für die glamourösesten Death-Punks Basels, die Bitch Queens. Doch Zahlen sind wurst, es geht um Musik und Haltung, um Frische und Hartnäckigkeit, und da haben das Ox Fanzine aus Solingen und die vier von den Bitch Queens wahrlich eine ziemlich imposante Schnittmenge.

Bitch Queens © Dominik Asche 2021
Bitch Queens © Dominik Asche 2021

Tritt ans Schienbein des öffentlich-rechtlichen Happy-High-Senders

Einen «schön zynischen Rundumschlag über einige Widerlichkeiten des 21. Jahrhunderts» nennt Gitarrist und Sänger Melchior Quitt im Ox-Interview die 12 Songs der neuen BQ-Platte, die meist Drummer Harry Darling getextet hat.

Apropos Interview: Wer als Band im Ox Fanzine neben einer Review vom Chef auch noch ein Interview mit dem Chef Joachim Hiller machen kann, hat definitiv vieles richtig gemacht in Sachen Musik, Stil und D.I.Y. im Punkrock-Land.

Für die Welt von Radio SRF 3 sieht das etwas anders aus:
20 Jahre nach Züri Wests «Radio zum Glück» («Warum sände die hütt wieder nume Scheisse») gibts aus der CH-Bandszene tatsächlich wieder mal einen glasklaren Diss-Song auf unser öffentlich-rechtliches Radio Nummer drei (bei Züri West war dies noch DRS 3, heute natürlich SRF 3): «Brainwash Radio» («on 103.6, come get your daily fix»). Denn während die Welt da draussen – so der Text – dermassen ungerecht, verlogen faschistoid und toxisch männlich sei, gebe uns der Staatssender SRF 3 mit «happy highs» täglich unsere «öffentlich finanzierte Ablenkung» bzw. eben eine Gehirnwäsche (Brainwash), finden die Bitch Queens und schreien das auch ordentlich laut raus. Allerdings in englisch und nicht in Mundart, wie damals Züri West (Züri West laufen heute vornehmlich bei SRF 1).

Im Tagesprogramm finden (und fanden) die Bitch Queens und hunderte andere CH-Bands mit ähnlich unbequemem Sound tatsächlich nicht statt – in den Spartenmusiksendungen abends aber schon. So sind die Basler beim «Rock Special» – ähnlich wie beim Ox Fanzine – seit über zehn Jahren fast schon Dauergäste, wenn denn ein neues Album oder Musikvideo draussen ist (zuletzt Ende September im Duell mit den Zürcher Rockern von King Zebra, hier nachhören).

Bitch Queens © Dominik Asche 2021
Bitch Queens © Dominik Asche 2021

Songs voller System-, Gesellschafts-, Medien- oder Testosteronkritik

«Was sollen uns die vier (...) Typen, die sich Bitch nennen, nach über zehn Jahren Plattenmachen, durch Europa touren und Clubs und Kneipen abbrennen denn noch komplett Neues liefern?», fragten wir vor vier Jahren schon an dieser Stelle, als ein neues Album anstand. Nun – eben. Einfach immer neue Hymnen rausmachen, Underground-Hits ausgeben, Statements rausschreien, die Punkrock-Party weiter befeuern. Weils sonst in der Stadt keine*r macht, mindestens nicht in diesem knackigen 2min30-Format.

Der «zynische Rundumschlag» auf dem Album Custom Dystopia ist alles andere als trockener Staatskundeunterricht. Die Scheibe schliesst rillenlos an City Of Class von 2019 an und spart auch 2021 nicht mit System-, Gesellschafts-, Medien- oder Testosteron-Männlichkeitskritik. Die Themen der Band sind die Themen, die auch ausserhalb der Punk-Bubble lichterloh brennen. Und wenn Pop schon nicht offen politisch sein will, ist es halt der Punk, etwa derjenige der Bitch Queens.

Konsumkritisch etwa ist der Song «Con Man Contraband» (etwa: Betrüger*innen-Schmuggelware), der die verblendend schöne neue Warenwelt aufs Korn nimmt («shiny new thing / old lie, a new brand») oder anprangert, dass mit überteuerten Hygieneartikeln für Frauen dann doch wieder nur die smarten Startup-Businessmen ihr Geld verdienen. Neben dem wenig hoffnungsvollen Titelsong «Custom Dystopia» (gleich unten, 40 Sekunden), klingt auch «The Apocalypse» ziemlich düster, wenn wir – so die Dystopie – am Ende der Tage zu Chopins Trauermarsch den kaputten Planeten ver- und unseren Nachkommen überlassen.

«Essen, Schlafen, Ficken, Pissen – Ignoranz ist Glück(seligkeit)» heisst es im knusprigsten Song des Albums «Ignorance Is Bliss». Und im packendsten Song, der als Single- und Videoauskopplung bereits erschienen ist (Video of the week), «Burn It Down», ist die Losung ebenso knapp: Wenn die Armen nichts mehr kaufen und die Reichen aussterben (so die logische Spätkonsequenz) – werden wir dann vielleicht endlich verstehen, was hier schiefläuft?

Bad Religion 1990 und Bitch Queens 2021 im Vergleich

Musikalisch ist die BQ-Platte wie gesagt: Knusprig, packend, verdichtet, 'ne Wucht. Der Track «Custom Dystopia» kommt schon fast einem Dead-Kennedys-Song nahe (schnell, kurz, kreisch), während «The Worst Thing» und andere Songs den britischen '76 / '77 Punk hochleben lassen. Auch der Rest muss sich nicht verstecken, das war bei den Bitch Queens eigentlich schon immer so: Ihr Punk sagt immer auch ein wenig Pop, einfach mit dem angemalten Stinkefinger an der erhobenen Faust. Mittlerweile haben sie das so perfektioniert, dass die Band für die Punk-Rock'n'Roll-Nische allein eigentlich zu gross, zu gut ist. 2022 hätten wird das deshalb dann gerne auch auf den grossen Open-Air-Bühnen.

Doch zurück zum November-Würgegriff.
Aufgenommen, produziert und gemischt wurde das Album in Basel im eigenen LuxNoiseStudio von Drummer-Bitch Harry Darling. Das Artwork stammt wieder vom umtriebigen Noé Herrmann², der jede Menge tightes Graphic Design für Bands (Zeal & Ardor, Fraîche, Amorph), Clubs und Festivals (Sommercasino Basel, OFF Bar, JKF) und auch für die 25-Jahr-Fete des RFV Basel rausgemacht hat (und hier auch ab und zu coole Platten bespricht).

Eigentlich erstaunlich, dass sich – zum Beispiel – in den 30 Jahren seit Bad Religions wegweisendem Album für den modernen Punkrock, Against The Grain, bis zu Custom Dystopia der Bitch Queens die Themen und Missstände nicht gross verändert haben. So gross ist, zum Beispiel, der Unterschied zwischen «21st Century Digital Boy» (BR, 1990) und «Ignorance Is Bliss» (BQ, 2021) wirklich nicht. – Oder?

Andere Timeline.

November 2021: Diese Band macht es uns, nach durchgehörtem Album und Videoclip auf jeden Fall leichter, einfach mal wieder tatendurstig rauszugehen und irgendwas anzupacken, irgendwas zu verändern. Für eine bessere Welt zu kämpfen wäre natürlich schön – für eine etwas weniger schlechte Welt ist auch nicht verkehrt.

Und so gilt auch auf und mit dem neuen Album der Bitch Queens die alte Losung, die hier schon vor Jahren ausgegeben worden ist: Live fast, stay young. Wir ergänzen gerne: Lange mögen sie leben, die Bitch Queens!

Bitch Queens – Custom Dystopia (Cover; Artwork Noé Herrmann)
Bitch Queens – Custom Dystopia (Cover; Artwork Noé Herrmann)

Bitch Queens – Custom Dystopia

(Lux Noise CH/EU / Spaghetty Town Records USA) ist am 5. November 2021 als LP und digital mit einem Beitrag des RegioSoundCredit des RFV Basel erschienen. Erhätlich überall und bei Bandcamp (Link in der Band-App unten, klicken / tippen).

LP-Verlosung
Der RFV Basel verlost 1 LP Custom Dystopia. Teilnehmen: E-Mail an den RFV senden mit einem Songtitel des aktuellen BQ-Albums. Es wird keine Korrespondenz geführt. Versand der LP nur an eine Postadresse in der Schweiz.

Bitch Queens live
12.11.2021 D-Heilbronn, Bar Emma 23
13.11.2021 D-Bochum, Trompete
11.12.2021 CH- Olten, Garage 8

Aktuelle Live-Daten auf der Website der Band (Band-App unten klicken / tippen).

Video of the week: «Burn It Down»

Die Bitch Queens haben auch den In Covid We Trust-Punk & Garage Sampler zusammengestellt und veranstalten das jährlich Bitch Fest.

¹ Ox Fanzine. Viele Reviews und Interviews sind online auch im Archiv verfügbar, jedoch lohnt sich ein Abo auf die Printausgabe (sechs Mal im Jahr), weil: Noch mehr Reviews und Interviews!
Dazu Rezepte, Buch- und Filmbesprechungen, Kolumnen und mehr. Ein Abo für die Schweiz kostet  46 € inklusive Porto.

² Studio Herrmann, Website

Youtube Video
Bitch Queens: «Con Man Contraband» (Musicvideo)

Bitch Queens

31/08/2021
Bitch Queens 2019 © Flavia Schaub
Bitch Queens 2019 © Flavia Schaub

Beiträge
4 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger, Musikvideo | 2021
2 000 CHF | RegioSoundCredit Musikvideo | 2019
2 000 CHF | RegioSoundCredit Tournee | 2018
6 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger, Musikvideo | 2016
3 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2013
3 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2011
3 000 CHF | RegioSoundCredit Musikvideo | 2010
5 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2009