Funky Notes – Faded Memories: Verblasste Erinnerungen

Verzögerungen im Vinylpresswerk, die Pandemie, der Lockdown, der Winter: Alles ein wenig viel für den neuen Release des Basler Producers Funky Notes, dessen neue LP nach Millionen von Spotify-Streams nun auch auf Vinyl vorliegt. Beats von Welt, sagt unser RFV-Reviewer und bittet zum Spaziergang durch Harlem NYC.

27/04/21  Noé Herrmann

Es ist schon rund fünf Monate her, seit der Basler Beatmaker, DJ und Produzent Funky Notes sein letztes Werk Faded Memories veröffentlicht hat. Und so hat es sich für mich auch angefühlt, als ich Mitte April dieses Jahres gebeten wurde, ein Review über diese Platte zu schreiben, die – rund vier Monate nach dem digitalen Release – im März 2021 auch endlich auf Vinyl erschienen ist.

«Hä? Diese Tracks kenne ich ja alle schon!», dachte ich mir, als ich bemerkte, dass ich das Album schon seit seinem Release im letzten Dezember total unaufgefordert bereits zigmal durchgehört hatte. Entsprechend fühlten sich für mich die neun Beats auf dieser Platte tatsächlich ein bisschen wie Faded Memories (zu Deutsch: verblasste Erinnerungen) an.

Funky Notes aka Luki Schmidiger (*1987) ist Basler mit tschechischen Wurzeln. Was viele nicht wissen: Mit seinen Instrumental-Beats hat er eine monatliche Hörer*innenschaft von rund einer halben Million auf Spotify und gehört damit weltweit zu den meistgehörten Artists aus unserer Region.

Funky Notes © Dennis Stroebele 2019
Funky Notes © Dennis Stroebele 2019

Das Playlist-Prinzip

Das liegt wahrscheinlich daran, dass seine Musik

a) einfach fantastisch ist und
b) durch das Wegfallen des im HipHop üblichen Raps keine Sprachbarrieren kennt und somit weltweit auf Anklang stossen kann.

So ungefähr beschreibt Funky Notes diesen Erfolg auch beim Kollegen Pablo Vögtli im Interview vom 12. März des Jahres im Black Music Special¹ auf Radio SRF 3.

Was sicherlich ein weiterer Grund für diese hohen Klickzahlen ist, wäre

c) das Playlist-Prinzip.

Mit seinem Track «Sweetest Thing» hat es Funky Notes auf die Spotify-Playlist «Lo-Fi Beats (Beats to relax, study and focus)» geschafft, die fast vier Millionen Likes aufweist. Millionen von Menschen auf der ganzen Welt hören sich zum Arbeiten, Studieren oder eben einfach zum Relaxen ein von der Spotify-Redaktion zusammengestelltes Mixtape an, das 600 Tracks aufweist, rund 22 Stunden Sound spielt und sich optimal als beruhigende Hintergrundmusik eignet.

Und so kommt Funky Notes, ähnlich wie sein Kollege (und zweifacher Basler Pop-Preis-Gewinner) Audio Dope oder der Basler Ambient-Artist Matthias Gusset (samt seinem Co-Projekt Kappa Mountain) – wahrscheinlich mehrheitlich ohne bewusstes Hinhören – in den Genuss von unglaublich vielen Plays.

Beats to nod, bounce and dream to
Funky Notes' Musik aber einfach als Hintergrundmusik abzutun, wäre gänzlich falsch. Im Vergleich zu den meisten in der oben genannten Playlist aufgeführten Artists, sind seine Beats fetter, tanzbarer, melodischer und weisen eine viel grössere klangliche Vielfalt auf. Wer sich ein wenig mit Beatmaking auskennt, hört, dass er in alter HipHop-Manier auf gekonntes Sampling und Arbeiten mit dem MPC setzt, statt einfach auf generische Beats mit ein bisschen Glockenspiel und smoothen Sax-Einlagen zurückzugreifen. «Soulful Beats» mit «Boom-Bap»-Charakter, wie Funky Notes es im genannten Interview selber beschreibt, trifft es definitiv besser als «Lo-Fi Beats (Beats to relax study and focus)».

Vergleichbar mit den grossen US-amerikanischen Instrumental-Beatmakern Apollo Brown, Madlib und J Dilla († 2006) oder dem japanischen Ausnahmetalent Nujabes († 2010), schafft es Funky Notes mit herzhaft auserlesenen Samples – die sowohl von alten Soul-Klassikern, als auch aus Musikstücken aus aller Welt stammen –, respektvoll aus Altem Neues zu machen und HipHop-Beats genau auf den Punkt zu bringen. Sie würden sich zwar ideal als Rap-Grundlage eignen, funktionieren und entfalten sich aber instrumental und ganz ohne Lyrics sogar noch besser.

Funky Notes © Dennis Stroebele 2019
Funky Notes © Dennis Stroebele 2019

Von verblassten und fiktiven Erinnerungen

Wir alle kennen wahrscheinlich das Phänomen, dass beim Hören gewisser Songs alte Erinnerungen geweckt werden. Aber kennt ihr auch dieses, wenn bei euch Songs bestimmte Bilder und Gefühle generieren, die sich zwar nach alten Erinnerungen anfühlen, aber gar keine sind?

Ich persönlich hatte schon mit 14 Jahren Bilder von «früher» im Kopf, zum Beispiel beim Hören von Skatepunk-Songs mit diesen harten, aber zugleich wunderschönen Feelgood-Harmonien. Bilder von langen Abenden, als wir mit unseren Freunden an einem kalifornischen Strand im Sonnenuntergang Skateboardfahren gingen. Eine «Erinnerung» an etwas also, das ich gar nie erlebt hatte, sondern nur durch diese Musik generiert wurde.

So ähnlich, aber mit einem anderen Setting, geht es mir auch, wenn ich Funky Notes' Beats höre: Ich spaziere – ebenfalls bei untergehender Sonne – mit meinen Kopfhörern einen Hügel hinunter durch ein Quartier, dass durch seine Hydranten, Basketball-Käfige und grossen Backsteinhäuser stark an Harlem NY (wo ich einmal war) erinnert, aber gänzlich frei erfunden ist.

Der Albumttitel Faded Memories bezieht sich aber auf echte verblasste Erinnerungen von Funky Notes, die er in neun Beats musikalisch zu illustrieren versucht. Da wir seine Erinnerungen nicht teilen können, müssen wir sie uns halt selber machen ...

Funky Notes – Faded Memories (Cover)
Funky Notes – Faded Memories (Cover)

Ein Spaziergang in neun Akten

Eröffnet wird das neue Funky-Notes-Album mit dem Track «Almost Magic», womit wir mit einem von Piano- und smoothen Synthesizer-Klängen untermaltem laid-back-Beat unseren Spaziergang beginnen. Und schon werden wir mit Track 2 «Not Yet!» von einem Sample von Busta Rhymes' Stimme begrüsst und mit einem wunderschönen Sample von Julie Londons «Memphis In June» an der Hand langsam den Hügel heruntergeführt.

Track 3 beginnt mit «Oooh baby, you know how much I love you ...» und taucht mit einem gefühlvoll-souligen Orgel- und Alt-Sax-Sound den Himmel in ein abendliches Orange, das sich im anschliessenden, komplett sample-freien Track «Déja-Vu» dann so richtig entfaltet.

In der Mitte des Albums angekommen, kommen wir zur Single «Sweetest Thing», dem mit Abstand meistgehörten Song dieser Scheibe (fast 3 Mio. Plays). Eine hochgepitchte Stimme singt «You're the sweetest thing» und wird dabei von jazzy Trompetenklängen, Keys und einem ein wenig später einsetzenden, fetten Boom-Bap-Beat begleitet.

Einen krassen Stilbruch – zumindest, was die Herkunft und den Stil der Samples betrifft – erleben wir mit Track 5 namens «Kamaal Hai». Zum ersten Mal auf Faded Memories kommen wir in den Geschmack von Hindi-Sounds aus den 80er-Jahren. Das Sample hat Funky Notes aus dem Soundtrack zum Film «Karz» gezogen und diesen mit einem unglaublich fetten Kopfnicker-Beat untermauert. Ein Track, der auch sehr gut auf sein Vorgänger-Album Second Home gepasst hätte.

Das letzte Drittel der Platte führt uns wieder zurück auf den fiktiven Hügel in Harlem, New York City. Der Track «First Love» läutet mit einer verträumten Klangwelt aus Gitarren, Keys, Strings und Stimmen langsam die Nacht ein, die sich im vorletzten Song «Same Story» und dem abschliessenden «Faded – Outro» langsam, aber sicher in der ganzen Grossstadt breitmacht.

Beats von Welt
Zusammengefasst ist Faded Memories ein stabiles Instrumental-Beat-Album, das jenen der grossen Beatmaker dieser Welt gar nicht oder nur kaum nachsteht. Eine Platte, die zwar nichts neu erfindet, welche aber die mittlerweile bald ein halbes Jahrhundert alte Welt des HipHop weiterspinnt und um ein paar richtig, richtig gute Beats bereichert.

Funky Notes – Faded Memories

(Okwow Records) ist am 4. Dezember 2020 digital und am 15. März 2021 als LP erschienen mit einem Beitrag des RegioSoundCredit des RFV Basel. Erhältlich als Download, Stream und Vinyl über diese Shops.

Basel: Die LP gibt es im ElchRecords direkt zu kaufen oder für Hauslieferung zu bestellen bei Okwow / Funky Notes.

LP-Verlosung
Die Verlosung der LP von Funky Notes läuft noch, Teilnehmen: E-Mail an den RFV Basel senden.

Neue Singles
«Close Your Eyes», «Oh Dear», «Warm Feelings», «Foreign Courts» w/Ruck P usw. – auch 2021 legt Funky Notes brandneue Tracks vor. Am besten einfach abonnieren auf dem Streamingdienst eures Vertrauens oder gleich Gönner*in werden bei:

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¹ SRF 3, Black Music Special mit Funky Notes

Funky Notes

07/04/2021
Funky Notes © Dennis Stroebele 2019
Funky Notes © Dennis Stroebele 2019

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2 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2020